ie 83-jährige Helen Cartwright lebt seit drei Jahren wieder
in dem Dorf ihrer Heimat in der Nähe von Oxford. Sechs Jahrzehnten lang hat sie
in Australien verbracht und als Kardiologin in einem Krankenhaus in Sydney gearbeitet.
Ihr Ehemann und ihr Sohn sind inzwischen verstorben. Um den schmerzhaften
Erinnerungen zu entfliehen, hat sie alles zurückgelassen. In England pflegt sie
kaum soziale Kontakte, denn jedes Gespräch ist damit verbunden, dass eventuell
Fragen gestellt werden, die alte Wunden aufreißen könnten. Ihr Lebenswillen
beginnt allmählich zu schwinden. Regelmäßige Mahlzeiten, für die sie Einkaufen
geht, und häufige Nickerchen bestimmen ihren eintönigen Alltag.
Weil sie jemand ist, der Brauchbares nicht einfach wegwirft,
und vermutlich auch aus Langeweile, hat sie in den letzten Monaten ein Faible
für den Müll ihrer Nachbarn entwickelt. In einer ihrer schlaflosen Nächte entdeckt
sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Aquarium, auf dem Pappkartons
liegen sowie ein ihr bekanntes Kinderspielzeug, das Erinnerungen an
glücklichere Zeiten bei ihr weckt. Obwohl der Glaskasten schwer ist, holt sie
ihn samt Inhalt zu sich ins Haus. Damit beginnt für sie eine Woche, in der sie nicht
nur einer Maus, sondern auch einigen liebenswerten Menschen begegnet, die ihrem
Leben einen neuen Sinn geben.
Nach einem kurzen Prolog folgen Kapitel, die nach den Tagen
einer Woche benannt sind. Die Handlung setzt in einer regnerischen Freitagnacht
ein. Keine vierundzwanzig Stunden später glaubt Helen, ein zartes Klopfen im
Erdgeschoss zu hören. Als Leserin wartete ich ungeduldig darauf, dass sie die
Maus entdeckt, die sie später Merlin nennen wird. Zunächst ist sie von ihrem
neuen Mitbewohner wenig begeistert und sucht nach Möglichkeiten, das Tier auf freundliche
Weise wieder loszuwerden. Dazu muss sie über ihren eigenen Schatten springen
und sich Rat und Wissen von anderen holen.
Die Erinnerungen an ihren Sohn, der sich immer eine Maus
gewünscht hat, öffnen ihr Herz zunehmend für Merlin. Ihre anfängliche Abneigung
wandelt sich bald in wachsende Gewogenheit und Zuneigung. Während ihrer Suche
nach einer passenden Lösung zum weiteren Verbleib des Tieres gleiten ihre
Gedanken immer wieder zu schönen, aber auch tragischen Momenten ihres Lebens ab,
so dass nach und nach eine Vorstellung von Helens früherem Leben entstand. Gleichzeitig
beginnt sie, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, ihr eigenes Verhalten zu
reflektieren und eine Zukunft zuzulassen, in der es wieder mehr Begegnungen
geben wird.
Das Buch „Eine Maus namens Merlin“ von Siman Van Booy ist eine zauberhafte Geschichte mit zwei reizenden, gegensätzlichen Hauptfiguren die zeigt, dass auch kleine Lebewesen tiefgreifende Veränderungen bewirken können. Einige überraschende Wendungen sorgen für Abwechslung und die ruhige, warme Erzählweise verleiht der liebevoll gestalteten Handlung emotionale Tiefe. Sehr gerne empfehle ich diesen berührenden Roman weiter.









