Mittwoch, 25. Februar 2026

Rezension: Real Americans von Rachel Khong

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Real Americans
Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch: Tobias Schnettler
Erscheinungsdatum: 12.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462902016
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Die in Kalifornien lebende Rachel Khong erzählt in ihrem Roman „Real Americans“ eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt und bemerkenswerterweise bis ins Jahr 2030 reicht. Jeder der drei Teile nimmt dabei eine andere Familienepoche in den Mittelpunkt. Der Prolog des Buchs spielt im Jahr 1966 in Peking. Eine unbenannte Frau zerschlägt mit einem Hammer das Glas einer Vitrine, um Relikte vor der Zerstörung durch die Rote Garde zu bewahren. Diese Szene wirft die Frage auf, wer den Mut besitzt, sich dem Regime entgegenzustellen. Erst viele Seiten später fügt sich der Vorfall in den Gesamtzusammenhang ein.

Die 22-jährige Lily Chen steht 1999 kurz vor dem Abschluss ihres Studiums in Kunstgeschichte. Sie arbeitet als unbezahlte Praktikantin in der Grafikabteilung eines angesagten New Yorker Medienunternehmens. Auf der Weihnachtsfeier lernt sie Matthew kennen, den fünf Jahre älteren Neffen ihres Chefs. Zwischen den beiden funkt es. Beide haben Eltern, von deren Einstellung zum Leben sie sich distanzieren, ohne weiter darüber zu sprechen. Lily wird bald bewusst, dass Matthew über deutlich mehr finanzielle Mittel verfügt als sie, was ihr äußerst unangenehm ist. Schließlich siegt ihre Liebe über ihre Bedenken, sich ganz auf eine Person einzulassen, bevor sie selbst eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft hat.

Der zweite Teil des Romans setzt im Jahr 2021 ein und richtet den Fokus auf den fünfzehnjährigen Nick, der mit seiner Mutter Lily auf einer kleinen, nur dünn besiedelten Insel im Nordwesten der USA lebt. Als Leserin begleitete ich ihn auf der Suche nach seinem Vater, der ihm unbekannt ist, weil sich seine Mutter über ihn ausschweigt. Gleichzeitig erzählt Lily ihrem Sohn ebenfalls wenig aus ihrem früheren Leben, obwohl sie selbst es stets bedauert hat, nicht mehr von der Kindheit und Jugend ihrer Eltern in China erfahren zu haben.

Immer wieder streut die Autorin kleine Hinweise auf die Vergangenheit von Lilys Mutter Mai ein, die für eine hintergründige Spannung sorgen. Der dritte Abschnitt, der im Jahr 2030 spielt, ist Mai gewidmet. Wie Lily und Nick berichtet auch sie aus der Ich-Perspektive. Besonders wirkungsvoll ist, dass Rachel Khong im letzten Buchteil einzelne Kapitel in eine auktoriale Erzählhaltung wechselt, um Nicks Geschichte weiterzuführen. Dabei wird spürbar, wie eng die Schicksale der Familienangehörigen miteinander sind.

Immer wieder flechtet die Autorin Überlegungen ihrer Figuren dazu ein, wie amerikanisch sie sein wollen und als wie zugehörig sie sich zu ihrer Abstammung empfinden. Lily etwa stört es, aufgrund ihres asiatischen Aussehen kategorisiert zu werden. Sie hadert jedoch auch damit, dass sie die Erwartungen ihrer Eltern an höher gesetzte Lebensziele nicht erfüllt. Rachel Khong wirft die Fragen auf, in welchem Maße uns genetische Anlagen prägen und wie stark unser Umfeld uns und unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Gleichzeitig regt sie auf subtile Weise dazu an, darüber nachzudenken, ob den Eingriffen in das menschliche Genom Grenzen gesetzt werden sollten.

Im Roman „Real Americans“ wirft Rachel Khong die großen Fragen des Lebens auf. Statt expliziter Debatten ihrer Figuren baut sie ein faszinierendes, denkbares Familienbild auf voller überraschender Wendungen, mit feinfühlig ausgeführten Details und unter Einbindung historischer Hintergründe. Es ist eine bewegende Geschichte über Herkunft, Selbstbestimmung und Bindungen zwischen Generationen einer Familie. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 21. Februar 2026

Rezension: Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Wir entdecken die Natur von Anita Jeram



Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Wir entdecken die Natur
Illustratorin: Anita Jeram
Pappbilderbuch: 18 Seiten
Erschienen am 12. Februar 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Der kleine und der große Hase sind in der Natur unterwegs. Am Fluss, auf dem Bauernhof, am Meer und einigen weiteren Orten gibt es viel zu entdecken. Auf jeder Doppelseite sind die beiden Hasen in einer neuen Umgebung anzutreffen. Dabei sind jeweils zwölf oder dreizehn Begriffe benannt, vor allem Tiere und Pflanzen.

Mein Sohn und ich sind große Fans der „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab“-Bücher, neben der klassischen Geschichte haben wir schon die Winter-Geschichte und „Kleiner Hase, das bist Du“ mit der Spiegelfolie auf der letzten Seite. Dieses Bildwörterbuch ist die perfekte Ergänzung für unsere kleine Sammlung. Auf jeder Doppelseite sind die beiden Hasen an einem anderen Ort und erkunden die Natur. Dabei gibt es wenig Text und keine Geschichte – der Autor Sam McBratne ist leider 2020 verstorben – aber die Illustratorin der Bücher, Anita Jeram, hat hier liebevolle neue Szenen geschaffen. Ein wunderschönes Bildwörterbuch für alle Fans des kleinen und großen Hasen!


Dienstag, 17. Februar 2026

Rezension: Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Hazel sagt Nein
Autorin: Jessica Berger Gross
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Angela Koonen
Erscheinungsdatum: 02.02.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Softcover
ISBN: 9783757701963
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Der Titel des Romans „Hazel sagt Nein“ nimmt die entscheidende Antwort der 18-jährigen Protagonistin auf die Aufforderung ihres Direktors vorweg, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen. Die US-amerikanische Autorin Jessica Berger Gross entfaltet ihre Geschichte rund um diesen verstörenden und lebensverändernden Moment von Hazel Blum im Büro des Schulleiters.

Hazel ist mit ihren Eltern und ihrem elfjährigen Bruder Wolf im Sommer von Brooklyn in die Kleinstadt Riverburg in Maine gezogen, nachdem ihr Vater dort eine Professur für Amerikanistik angenommen hat. Zunächst ahnen weder Hazel noch ihre Familie, welche weiten Kreise der Vorfall im Büro der Schule ziehen wird, denn die Protagonistin schweigt nicht über das unmoralische Angebot. Ihre Eltern wenden sich an die Präsidentin des Colleges, um Rat zu suchen.

Von Hazel wird es zunächst nicht gewollt, dass das Thema in die Öffentlichkeit gerät. Jedoch greifen Journalisten den Fall auf, wodurch das mediale Interesse wächst. Jessica Berger Gross beleuchtet dabei sowohl Schattenseiten als auch die möglichen Vorteile durch das Rampenlicht, in das Hazel gerät. Besonders eindringlich schildert sie die Auswirkungen auf die einzelnen Familienangehörigen, allen voran für den feinfühligen Wolf, der ausgerechnet mit der gleichaltrigen Tochter des Direktors endlich eine Schulfreundin gefunden hat.

Die Bewohner von Riverburg sind gespalten, wem sie glauben sollen, denn es steht Aussage gegen Aussage. Wie zu erwarten war, stellt der Schulleiter die Situation so dar, als habe seine Schülerin ihn verführen wollte. Er ist ein angesehener Mann, der für die Schule bereits einiges erreicht hat. Es ist erstaunlich, dass er bisher noch von keiner Schülerin angezeigt wurde, denn er hat frühere unmoralischen Beziehungen Hazel gegenüber erwähnt. Auch für ihn und seine Familie hat Hazels „Nein“ Konsequenzen.

Die Autorin versteht es, den Ernst der Lage immer wieder mit feinem Humor aufzuheitern. Sie ist stark darin, die Gefühle und inneren Konflikte der einzelnen Familienmitglieder im Umgang mit Hazels Erlebnis und den weitreichenden Folgen darzustellen. Allerdings ist mir die Darstellung des Konsum von Joints als Mittel zur Entspannung zu sorglos beschrieben.

Zwischenzeitlich verliert sich der Schwerpunkt des Romans in etlichen Nebenhandlungen, während er sich im mittleren Teil zum Hauptthema aufschaukelt, bis ins unglaubwürdige. Dennoch regen gerade die verschiedenen Reaktionen und Auswirkungen zum Nachdenken an. Es ist schwierig zu beurteilen, ob Hazel in jeder Situation die für sie beste Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Roman „Hazel sagt Nein“ macht Jessica Berger Gross deutlich, wie komplex und weitreichend die Folgen eines einzigen „Neins“ sein können – für die Betroffene selbst, für ihre Familie und für eine ganze Gemeinschaft. Es braucht Mut, Grenzen zu setzen, und noch mehr Mut, zu ihnen zu stehen. Trotz einiger erzählerischer Schwächen konnte mich der Roman überzeugen und wird noch lange nachhallen. Gerne empfehle ich ihn weiter. 

Freitag, 13. Februar 2026

Rezension: Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Trag das Feuer weiter
Autorin: Leïla Slimani
Übersetzerin aus dem marokkanischen Französisch: Amelie Thoma
Erscheinungsdatum: 14.01.2026
Verlag: Luchterhand (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783630876481

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Mit ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ beendet Leila Slimani ihre Familientrilogie, die auf wahren Begebenheiten aus dem Leben ihrer Familien beruht. Die Wurzeln der Autorin liegen sowohl in Frankreich wie auch in Marokko. Die überwiegende Handlung des dritten Bands spielt im Nordwesten Afrikas. Die ersten beiden Teile habe ich nicht gelesen. Dank einer kurzen Beschreibung der wichtigsten Figuren habe ich mich gut in die Erzählung eingefunden.

Anfang der 1970er Jahre heiratet die Gynäkologin Aisha, deren Mutter aus dem Elsass stammt, den Finanzökonomen Mehdi. Ihre Tochter Mia wird 1974 geboren. In kurzen Zwischensequenzen erzählt diese aus der Ich-Perspektive in der Gegenwart, in der sie als Schriftstellerin in Paris wohnt. Aufgrund einer Erkrankung empfiehlt ihr ein Arzt, sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit zu begeben. Daraufhin reist sie nach Marokko zur noch existierenden Farm ihrer Großeltern Mathilde und Amine, auf der ein Verwalter sich um das Anwesen kümmert.

Die Geschichte von Mias Familie wird in auktorialer Erzählweise geschildert und setzt Mitte der 1970er Jahre ein. In dieser Zeit gelingt es Aisha, Beruf und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren. Während ihrer Abwesenheit kümmert sich ein Hausmädchen um Haushalt und die Kinder. Mia lehnt ihre sechs Jahre jüngere Schwester Ines ab, die scheinbar von allen geliebt wird. Sie selbst begehrt gerne mal auf. Bücher eröffnen ihr den Blick auf die Welt. Sie sehnt sich nach Freiheit jenseits ihres privilegierten Elternhauses.

Leïla Slimani vermittelt dem Lesenden eindrucksvoll politische und kulturelle Einblicke in Marokko. Sie stellt die Gegensätze der Denkweisen und gesellschaftlichen Konventionen heraus, ohne diese zu werten. Über die Jahre hinweg wird sichtbar, wie sich das Land verändert und mit ihm auch Mias Familie.

Anfang der 1990er Jahre erleben Mehdi und Mia sowie ihr Großvater Amine einen Culture Clash auf ihre je eigene Weise. Amine ist verstört vom trubeligen New York, das er nur seines Sohns zuliebe besucht. Es wird deutlich, wie schwierig es für ihn ist, sich in dieser fremden Kultur zurechtzufinden, auch weil ihm die Sprachkenntnisse fehlen.

Mehdis berufliche Tätigkeit zwingt ihn dazu, Verhandlungen im Ausland zu führen. Für ihn wird es zum Problem, Marokko als ein Land mit großer Zukunft vorzustellen, um es für Investoren attraktiv zu machen. Derweil beginnt Mia ein Wirtschaftsstudium in Paris und droht am Fehlen der familiären Zuwendung zu scheitern.

In ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ zeigt Leïla Slimani die Suche nach Identität über mehrere Generationen, Religionen und Kontinente hinweg. Sie bindet bedeutende historische Ereignisse ein und verwebt sie mit den persönlichen Schicksalen der Protagonist*innen. Der Roman regt dazu an, über Familie, Herkunft und Selbstverwirklichung nachzudenken. Sehr gerne empfehle ich ihn weiter.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Rezension: Spielverderberin von Marie Menke


Spielverderberin
Autorin: Marie Menke
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 12. Februar 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

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Sophie stammt aus einer Bauernschaft im Süthland bei Bocholt und ist zum Studieren nach Köln gezogen. Eines Tages wird sie gemeinsam mit Romy von Lotte angechattet. Diese fragt, ob sie sich nicht zu dritt in der Heimat sehen wollen. Das Treffen ist kurz und merkwürdig, die drei haben sich seit vier Jahren nicht gesehen. Während Lotte in der Folge Sophies neue Mitbewohnerin in Köln wird, verschwindet Romy aus der Stadt und löscht ihre Onlineprofile. Immer wieder kehren Sophies Gedanken zu den vier Jahre zurückliegenden Ereignissen zurück, die alles verändert haben.

Der Roman beginnt mit dem ersten Treffen von Sophie, Romy und Lotte nach langer Funkstille. Die Gespräche der drei über ihr aktuelles Leben sind hölzern und ich merkte als Leserin schnell, dass sie nur wenige Gemeinsamkeiten teilen. Etwas Unausgesprochenes steht zwischen ihnen. Romy macht dazu nur Andeutungen, die Sophie in Unruhe versetzen. 

In den Wochen nach dem Treffen hadert Sophie mit der Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten will. Gehört sie wirklich in die Stadt und kann das Landleben hinter sich lassen? Auch Romys Wegzug aus Köln lässt sie nicht los. Geradezug obsessiv wartet sie auf irgendeine Nachricht, wohin es sie verschlagen hat. Auf einer zweiten Zeitebene erfuhr ich nach und nach mehr über die Ereignisse vier Jahre zuvor, welche die Beziehungen der drei jungen Frauen zueinander für immer geprägt haben. Eine gemeinsame Freundschaft gab es nie, sondern die Bande zwischen den Dreien haben sich durch das Erlebte mehrfach verschoben. 

Immer wieder stellt sich Sophie die Frage, was wohl in ihrem Leben und mit ihrer Freundschaft zu Romy und Lotte geschehen wäre, wenn sie in entscheidenden Momenten andere Entscheidungen getroffen hätte. Gleichzeitig werden das Stadt- und das Landleben nebeneinander gestellt. Wer bleibt auf dem Land, wer geht und wer kommt zurück – und aus welchen Gründen? Gibt es hier ein richtig oder falsch, ein gut oder schlecht? Mich hat dieser Freundschaftsroman, in dem es ein Davor und Danach gibt, fesseln können, weshalb ich ihn gerne weiterempfehle.

Rezension: Spielverderberin von Marie Menke

 


Rezension von Ingrid Eßer


Titel: Spielverderberin
Autorin: Marie Menke
Erscheinungsdatum: 12.02.2025
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462008739

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In ihrem Debütroman „Die Spielverderberin“ erzählt Marie Menke von der Freundschaft dreier junger Frauen. Eine von ihnen ist Sophie, die als Ich-Erzählerin den aktuellen Umgang mit ihren Freundinnen Romy und Lotte ebenso schildert wie gemeinsame Erlebnisse, die vier Jahre zurückliegen. Damals standen sie alle drei kurz vor dem Abitur. Titelgebend sind Situationen, in denen eine der Freundinnen nicht im Sinne der anderen handelt und dadurch Spannungen entstehen.

Sophie und Lotte sind in einer Bauerschaft im fiktiven Süthland aufgewachsen und von Kindheit an befreundet. Romy hingegen zog erst als Jugendliche mit ihren Eltern und ihrem Bruder in die nahegelegene Kleinstadt. Kennengelernt haben sich die drei auf dem Gymnasium.

Wenn Sophie davon berichtet, dass Lotte und Romy früher ohne sie etwas unternommen haben, erscheint sie zunächst nicht eifersüchtig. Doch ihre zunehmende Hinwendung zu Romy zeigt das Gegenteil. Sie bewundert deren frühe Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Obwohl es Sophie gelingt, mehr Beachtung zu erhalten, hat sie nicht damit gerechnet, dass Romy ihre Pläne für die Zeit nach dem Abitur trifft, ohne ihre Freundinnen einzubeziehen.

Bereits auf den ersten Seiten des Romans deutet Marie Menke an, dass zu Beginn des Studiums etwas geschehen ist, dass Sophie nie vollständig verarbeitet hat. Lotte hat dabei sichtbare Wunden davongetragen. Diese Andeutung erzeugt eine unterschwellige Spannung bis zum Schluss, weil man als Lesende unbedingt wissen möchte, was damals vorgefallen ist.

Am Ende ihres Studiums befindet sich Sophie in einer Phase der Selbstfindung. Auch Lotte, die zunächst eigenständig erscheint, hat noch kein festes Ziel vor Augen. Sophie ist sich nicht sicher, ob sie nach dem Abitur die richtige Entscheidung bei der Berufswahl getroffen hat. Ihre Eltern haben ihr dabei freie Wahl gelassen, aber es wird deutlich, dass sie insgeheim etwas anderes erwarteten.

Wenn jemand sich vom Landleben begeistert zeigt, kommen Sophie Bedenken, ob sie nach Abschluss ihres Studiums in einer Stadt arbeiten möchte. Bei ihre Abwägungen bezieht sie stets ihre Freundschaften zu Lotte und Romy mit ein. Eine besondere Stärke des Romans ist die authentische Darstellung dieser inneren Konflikte, in der sich viele Lesende in der Rolle einer der Freundinnen wiederfinden werden.

In ihrem Debütroman „Spielverderberin“ schreibt Marie Menke eindringlich über die Freundschaft dreier junger Frauen und ihrem Leben zwischen Stadt und Land. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage durch die Geschichte, wie viele eigenständige Entscheidungen eine Freundschaft aushält. Gerne vergebe ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Rezension: Waschen? Kämmen? Aber klar! Fürs Foto wollen wir schickes Haar!


Waschen? Kämmen? Aber klar! Fürs Foto wollen wir schickes Haar!
Autorin: Katja Frixe
Illustratorin: Yvonen Sundag
Pappbilderbuch: 14 Seiten
Erschienen am 11. Februar 2026
Verlag: Penguin Junior
Link zur Buchseite des Verlags

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Der Hase hat Geburtstag und lädt seine Freunde ein, mit ihm zu feiern. Als Geschenk wünscht er sich ein Foto mit ihnen. Sie laufen aufgeregt nach Hause, wo ihnen Familienmitglieder erklären, dass sie sich für das Foto schick machen sollten. Und so wird gebadet, geföhnt und frisiert.

Waschen und kämmen ist für meinen Sohn aktuell eine spannende Angelegenheit. Immer wieder möchte er mit mir "Haare waschen" spielen und versucht, sich mit seiner Babybürste selbst die Haare zu kämmen. Dieses Buch greift das Thema auf unterhaltsame Weise auf. Meerschweinchen, Maus, Hamster und Eichhorn sind ganz schmutzig und struppig und werden zu Hause für die Hasenparty schick gemacht. 

Jede Buchseite hat auf der rechten Seite eine Klappe und zeigt die Vorher-Nachher Situation beim hübsch machen. Die liebevolle Illustrationen zeigen wuselige und ruhigere Familiensituationen. Jedes Tier wird von einem anderen Familienmitglied frisiert - Mama, Papa, Oma und Opa kommen alle zum Zug, was ich schön finde. Hinter der letzten Klappe, welche die Aufstellung zum Foto zeigt, verbirgt sich schließlich eine lustige Überraschung. Ein wirklich schönes Buch rund ums Thema Wäschen, Kämmen und Frisieren für die Kleinsten!



Sonntag, 8. Februar 2026

Rezension: The Ordeals von Rachel Greenlaw

 


The Ordeals
Autorin: Rachel Greenlaw
Übersetzerin: Kerstin Fricke
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 17. Januar 2026
Verlag: Klett-Cotta
Link zur Buchseite des Verlags

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Sophia ist eine Illusionistin, doch ihre Magie einzusetzen erfordern hohen Kraftaufwand. Vor allem aber machen ein als Kind unterschriebener Vertrag und ein magisches Armband sie zur Gefangenen ihres Onkels. Er zwingt sie, gefährliche Aufträge für ihn zu erledigen, während ihm das Armband immer ihren Standort verrät. Daher hat Sophia es sich in den Kopf gesetzt, Studentin der magischen Elite-Akademie Killmarth zu werden: Dort soll es Runen geben, die verhindern, dass ihr Onkel ihr folgen kann. Mit einer List gelingt es ihr, vom Botaniker Alden den Ort der Aufnahmeprüfung zu erfahren. Doch die sogenannte Feuerprobe ist nur die erste potenziell tödliche Prüfung, die alle erwartet, die in Killmarth studieren wollen.

Von der ersten Seite an war ich mitten in der Geschichte gefangen. Sie beginnt am Tag der Feuerprobe, an dem ausgewählt wird, welche magiebegabten jungen Erwachsenen zur Killmarth Akademie reisen werden. Dort warten die sogenannten Ordeals, weitere Prüfungen, durch welche ausgewählt wird, wer stirbt und wer an der Akademie studieren darf. Schon die Feuerprobe endet für einige tödlich. 

Grundsätzlich hat mich irritiert, dass der Tod in diesem Buch einfach so hingenommen und als Auslese betrachtet wird. Wenn man das akzeptiert landet man in einer Geschichte voller hochspannender, weil eben lebensgefährlicher Momente. Dabei konnte ich Sophias Antrieb gut verstehen, den sie will sich endlich aus den Fängen ihres Onkels befreien. Die meisten anderen Anwärter, so auch Alden, stammen aus einflussreichen, magiebegabten Familien, die von ihren Nachkommen ein Studium in Killmarth schlichtweg erwarten. 

Zwischen den Prüfungen bleibt immer wieder Zeit, etwas zu verschnaufen und Einblicke in das Leben in Killmarth zu erhalten. Sophia schließt Freundschaften und vor allem die Schlagabtausche zwischen ihr und Alden sind unterhaltsam. Von Beginn an ist klar, dass es sich hier um eine Enemies-to-Lovers Story handelt. Die Chemie zwischen den beiden stimmt und ich habe mitgefiebert, wann sich die beiden ihre Gefühle zueinander eingestehen. Daneben bleibt aber noch genug Raum in der Geschichte für Geheimnisse, die aufgedeckt werden wollen und eine Mordserie, die spekulieren lässt, wer der Täter ist. Zwischendurch gibt es immer wieder sehr große Zufälle, durch welche die Handlung auf mich sehr konstruiert wirkte.

Das Tempo bleibt hoch und Gefahr droht von allen Seiten. Neben den tödlichen Prüfungen und einem frei herumlaufenden Mörder kommt bald noch eine weitere Bedrohung dazu. Diese sorgt zum Ende hin für zusätzliche Spannung und einen überraschenden Showdown, der die Brücke zum zweiten Band schlägt. Ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung empfehle das Buch an alle Fantasyfans weiter, die Lust auf eine Romantasy im Dark Academia-Setting haben. 




Samstag, 7. Februar 2026

Rezension: Kennst du das? 100 kunterbunte Sachen


Kennst du das? 100 kunterbunte Sachen
Pappbilderbuch: 16 Seiten
Erschienen am 26. Januar 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Wie viele Bananen sind auf der Seite mit den gelben Sachen abgebildet? Und wie viele Polizeiautos auf der Seite mit den blauen Sachen? In diesem kunterbunten, großformatigen Pappbilderbuch gibt es viel zu entdecken. Die Doppelseiten sind jeweils voller gelber, oranger, roter, blauer, grüner, brauner und bunter Sachen. Manches ist nur einmal abgebildet, andere Sachen sind bis zu zehn Mal auf der Seite versteckt - mal größer und mal kleiner.

Mein einjähriger Sohn war von diesem Buch aufgrund der knalligen Farben von Anfang an begeistert. Er zeigt auf die verschiedenen Dinge und möchte sie benannt wissen. Viele Dinge kennt er schon, ich kann z.B. die Fragen "Wo ist der Affe?" Und "Findest du noch einen Affen?" stellen und er begibt sich auf die Suche. Dabei zähle ich mit, sodass neben dem Spaß beim Suchen und Entdecken auch das Zählen spielerisch gelernt wird. Die Auswahl der Bilder finde ich gut, viele motorisierte Dinge für die mein Sohn sich sehr begeistern kann wie Radlager, Feuerwehrauto und Traktor sind ganz groß abgebildet. Es gibt auch viele Tiere, Obst und Gemüse und Alltagsgegenstände wie Gummistiefel oder einen Luftballon. Aufgrund der intensiven Farben macht das Buch auch schon ab 1 Jahr Spaß. Später wird der Aspekt des Zählens vermutlich noch mehr in den Vordergrund rücken, sodass wir sicher lange Freude mit dem Buch haben werden!

Donnerstag, 5. Februar 2026

Rezension: Die Routinen von Son Lewandowski

 


Rezension von Ingrid Eßer


Titel: Die Routinen
Autorin: Son Lewandowski
Erscheinungsdatum: 17.01.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608967166

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In ihrem Debüt „Die Routinen“ wirft Son Lewandowksi mit großem Feingefühl einen genauem Blick auf die Welt der Kunstturnerinnen. Dokumentarische Elemente verwebt sie geschickt mit der fiktiven Geschichte von Amik, einer inzwischen zweiunddreißig Jahre alten Leistungsturnerin, die am Ende ihrer Karriere steht. Das Cover ist in den Farben Rot, Gelb und Blau gehalten, was möglicherweise eine Reminiszenz an Nadia Comaneci ist, die als eine der bis heute besten Turnerinnen gilt und für Rumänien unter einer Flagge mit eben diesen Farben startete.

Amik blickt auf ihre sportliche Laufbahn zurück und erinnert sich an prägende Momente der Sportgeschichte in ihrer Disziplin. Sie denkt an die belarussische Athletin Olga Korbut, die bei den Olympischen Spielen 1972 in München mit ihren Darbietungen begeisterte. Auch ich erinnere mich daran, wie ich als Neunjährige fasziniert ihre Schwünge am Stufenbarren während der Fernsehübertragung verfolgte. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlte, erschien mir erstrebenswert. Erst neun Jahre später brachte die Verletzung und der anschließende Rücktritt der Eiskunstläuferin Tina Riegel, die kaum zwei Jahre jünger als ich war, mich zum Nachdenken über die alltäglichen Einschränkungen junger Leistungssportlerinnen. Weitere Jahre später rückte schließlich auch öffentlich in den Fokus, welchen Übergriffen durch Trainer*innen viele von ihnen ausgesetzt waren und sind.

Ihr Trainer bittet Amik, ihre Erfahrung mit der jungen Turnerin Izzy zu teilen. Doch noch vor dem Höhepunkt ihrer Karriere verunglückt diese schwer. Nun bleibt Amik nur, sich im Krankenhaus um sie zu kümmern. Die Autorin nutzt die Beziehung der beiden Frauen, um Amiks Gefühle herauszuarbeiten, sowohl jene, die sie für die andere in den Momenten in ihrem gemeinsamen Zimmer empfindet, als auch während der Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Izzy steht dabei stellvertretend für all jene Konkurrentinnen, mit denen Amik einerseits eine Gemeinschaft bildet, ein „Wir“, wenn sie geschlossen für ihre Land antreten, mit denen sie andererseits jedoch um Startplätze und Anerkennung rivalisiert.

Son Lewandowski gewährt Einblicke in den Tagesablauf der Mädchen und Frauen. Da dieser nahezu vollständig vom Training bestimmt ist, bleibt kaum Spielraum für andere Aktivitäten. Dennoch sind es zahlreiche Themen, die Son Lewandowski in die Handlung einbindet. Sie schaut auf die Körper der jungen Frauen und schildert den ständigen Kampf mit Gewicht, Beweglichkeit und der Tatsache, einen erwachsenen Körper zu entwickeln. Damit verbunden ist auch ein Prozess der Emanzipation: die Leistung in den Mittelpunkt stellen statt auf die öffentliche Zurschaustellung des Körpers sowie die Forderung nach einem Training ohne Gewalt und Übergriffe.

Die formale Gestaltung des Textes, bei dem die Autorin immer wieder Sätze separiert oder wiederholt, ruft die Schattenseiten des Systems Kunstturnen nachdrücklich ins Bewusstsein. Gleichzeitig bleibt der Schreibstil von Respekt gegenüber den Leistungen der Athletinnen geprägt und zollt ihnen Hochachtung für die Entbehrungen, die sie nicht nur zum eigenen Ruhm, sondern auch für den ihres Landes auf sich nehmen.

„Die Routinen“ von Son Lewandowski ist ein eindrucksvolles Debüt, das fiktive Erzählung mit sporthistorischen Bezügen und gesellschaftskritische Fragen des Kunstturnen verknüpft, einem in der Öffentlichkeit oft angeschauten und aufgrund der körperlichen Höchstleistungen faszinierenden Sports. Der schonungslose Blick der Autorin schaut jedoch auch auf die Kehrseite der Medaillen und verdeutlicht die Machtstruktur, die Gehorsam erwartet und den Schmerz ignoriert. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

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