Autorin: Jane Tara
Übersetzerin aus dem australischen Englisch: Tanja Handels
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
ISBN der Hardcoverausgabe: 978325616156
Die Australierin Jane Tara greift in ihrem Roman „Mit
anderen Augen“ auf metaphorische Weise das Thema der gesellschaftlichen
Sichtbarkeit von Frauen auf. Die 52-jährige Protagonistin Tilda bemerkt
zunehmend verzweifelt, dass ein Körperteil nach dem anderen verschwindet, wobei
sie zwar noch die Teile spüren, aber nicht mehr sehen kann.
Tilda lebt allein in einem Haus mit Sicht auf das Meer. Vor
fünf Jahren hat sie sich von ihrem Ehemann getrennt mit dem sie zwei erwachsene
Töchter hat, zu denen sie enge Kontakte pflegt. Sie ist Fotografin und hat gemeinsam
mit einer ihrer Freundinnen ein Unternehmen für Artikel mit Motivationssprüchen
gegründet. Es ist nicht alles so, wie sie es sich in ihrem Leben erträumt hat,
aber sie kommt gut zurecht.
Als sie an einem Morgen feststellt, dass ihr rechter kleiner
Finger verschwunden ist, beginnt sie nach den Ursachen zu suchen. Nach und nach
werden weitere Körperteile unsichtbar und zunehmend wird es schwierig, das vor
anderen zu verbergen. Ein Arztbesuch liefert ihr eine Diagnose, aber keine
Hoffnung. Doch Tilda weigert sich, ihr Schicksal einfach hinzunehmen.
Ich finde es eine gelungene Idee, wie die Autorin das Thema
der Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit umsetzt. Sie schildert nicht
nur das Schicksal einer Einzelperson, sondern zeigt zunächst, dass weit mehr
Personen betroffen sind, als anzunehmen war. Tilda schließt sich einer
Selbsthilfegruppe an, in der sie sich jedoch unwohl fühlt, weil sie dort keinen
Lichtblick in Bezug auf ihre Krankheit erhält.
Die Begegnung mit einem Mann in einem Café, zu dem sich bald
eine Nähe entwickelt, sowie ihre Töchter, ihre Freundinnen und ihr Beruf geben
ihr den Rückhalt nach Möglichkeiten zu suchen, ob sich die Unsichtbarkeit
überwinden lässt. Dazu muss sie aber auch die Ursachen für ihre Erkrankung erkennen.
Eine Therapeutin begleitet sie auf einem gefühlsmäßig schmerzhaften Weg in die
Vergangenheit: In welchen Situationen ist sie gerne unauffällig geblieben?
Welche Wünsche hat sie zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt? Und welche
Erwartungen hat sie eigentlich noch an ihre Zukunft? Ein Langzeit-Automatismus
der Gedanken begleitet Tilda dabei, wie jeden von uns, auf ihrer Suche nach
Selbsterkenntnis.
Jedes Kapitel ist mit einem motivierenden Spruch, meist von
einer bekannten Persönlichkeit, überschrieben. Obwohl Jane Tara dem Thema auch
eine amüsante Seite abgewinnt und sie vor allem in Dialogen ausspielt, verliert
sie nie die Ernsthaftigkeit. Auf dem Weg der Selbstfindung kommt der Meditation
eine besondere Rolle zu, aber auch gegenseitige Unterstützung im weiteren
eigenen Umfeld.
Ein Hauch magischer Realismus fließt in Jane Taras Roman „Mit anderen Augen“ ein, um das Problem vieler Frauen hervorzuheben, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden. Die Entwicklung der Protagonistin Tilda kann anderen dabei helfen, ähnliche Probleme zu reflektieren und über ein zufriedenes Selbstbild zu mehr Präsenz zu finden. Sehr gerne empfehle ich dieses bewegende und nachhallende Buch weiter.









