Rezension von Ingrid Eßer
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Im Oktober 2010 erhält die in Paris lebende, achtunddreißigjährige
Regisseurin Agnès Dugain einen Anruf von der Polizei aus der burgundischen
Stadt Gueugnon. Im Telefonat wird sie über den Tod ihrer Tante Colette Septembre
informiert, deren letzte Angehörige sie ist. Agnès ist fassungslos, denn ihre
Tante, die sie früher liebevoll „Tata“ nannte, ist bereits vor drei Jahren
verstorben. Sie ist Realistin und weiß, dass niemand „wiederstirbt“. Mit dieser
ungewöhnlichen Situation schafft die Autorin Valérie Perrin eine spannende
Ausgangslage für ihren Roman, der den Kosenamen der Tante von Agnès trägt und
im Untertitel bereits auf das zu erwartende Geheimnis hinweist.
Im Folgenden entfaltet sich eine komplexe Geschichte, die
tief in die Vergangenheit der Regisseurin führt. Agnès wuchs im Südosten
Frankreichs auf. Ihre Eltern waren bekannte Musiker, die ihre Tochter in den
Ferien zu Colette schickten, die in Gueugnon eine Schusterwerkstatt betrieb. Soweit
Agnès weiß, blieb ihre Tata unverheiratet und kinderlos. Bis zu ihrer kürzlich
erfolgten Scheidung lebte die Regisseurin mit ihrem Mann und ihrer Tochter in
den Vereinigten Staaten. Daher war sie bei der Beerdigung vor drei Jahren nicht
anwesend. Jetzt jedoch begibt sie sich ins Burgund, um das Geheimnis ihrer
Tante aufzudecken. In Gueugnon trifft Agnès auf drei Freunde aus der Kindheit,
die bei ihrer Suche behilflich sind.
„Tata“ verbindet Elemente eines historischen Romans, einer
Liebesgeschichte und eines Kriminalfall. Valérie Perrin erzählt abwechslungsreich,
unter anderem durch wechselnde Erzählperspektiven und unterschiedlichen
stilistischen Ebenen. Neben den Lebensgeschichten der beiden Protagonistinnen Agnès
und Colette schildert die Autorin uch die bewegte Vergangenheit von Agnés‘ Eltern,
ihrer Freunde sowie einer besonderen Person, die Colette viel bedeutete. Dabei
werden berührende Themen angeschnitten, die zeigen, dass das Schicksal vor
niemandem und nichts zurückschreckt und Familie nicht nur durch Blutsbande entsteht.
Ab etwa der Mitte kommt es durch die ausführlichen Nebenhandlungen allerdings
zu einiger Länge. Der Schauplatz im Burgund mitsamt den Bewohnenden wirkt
besonders authentisch, weil die Autorin dort beheimatet ist.
Mit „Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette“ gelingt es Valérie Perrin durch ihre außergewöhnliche Prämisse Neugier zu wecken und eine durchgehend hintergründige Spannung zu erzeugen. Facettenreiche Figuren und ein vielseitiger Schreibstil sorgen für eine ebenso lebendige wie tiefgründige Unterhaltung, die ich gerne weiterempfehle.









