Autor: Woody Brown
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783462016482
Der Roman „Ein ganz normales Wunder“ handelt von den
KlientInnen und MitarbeiterInnen der Tagesbetreuungsstätte „Upward Bound“ in
Kalifornien, in der Menschen mit Behinderung betreut werden, darunter auch einige
Autisten. Einer der Figuren des in elf Episoden geschriebenen Romans ist Walter,
ein Alter Ego des Autors Woody Brown, der einen Masterabschluss in Fine Arts der
Columbia University in New York City besitzt.
Hierzu beginnt nun leider eine rege Diskussion in den
Medien, die die Autorenschaft des jungen Manns in Frage stellt. Seit einem
Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen, unmittelbar nach Erscheinen der
Originalausgabe, wird in Erwägung gezogen, dass seine Mutter Mary, die ein
Literaturstudium abgeschlossen hat, seine Äußerungen mittels einer
Buchstabentafel frei interpretiert und daher einen wesentlichen Anteil an der
Entstehung des Romans habe. Ausgerechnet diese Diskussion berührt jedoch einen
zentralen Aspekt des Buches: die Schwierigkeiten eines nicht- (beziehungsweise
nicht kontrolliert) sprechenden Autisten, sich seinen Mitmenschen verständlich
zu machen.
Für mich ist es letztlich weniger entscheidend, wem die
Urheberschaft des Romans zugesprochen werden kann, als die Inhalte, die er
vermittelt. Die Episoden, die aus dramaturgischen Gründen nicht immer zeitlich
geordnet sind, gewähren Einblicke in den Alltag einer Tagesstätte, die nur
jemand erhalten kann, der diesen selbst erlebt hat. Auch ich hatte vor längerer Zeit die Möglichkeit, Einsicht in ein ähnliches Umfeld zu nehmen.
Beim Lesen hat mich bewegt, wie überzeugend Woody Brown die
Gefühlswelt der im jeweiligen Kapitel im Fokus stehenden Figur vermittelt. Neben
Walter sind dies unter anderem ein weiterer Klient mit Zerebralparese, eine
neue Betreuerin, ein langjähriger Mitarbeiter sowie der gestresste Leiter der
Betreuungsstätte. Außerdem beschreibt die Angestellte eines Warenhauses stellvertretend
für Außenstehende, wie die Gruppe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der
Autor beschreibt detailliert die Schwierigkeiten von Autisten mit anderen zu
kommunizieren und vermittelt dadurch ein differenziertes Verständnis der
Beeinträchtigung.
Deutlich wird auch, wie wenig ansprechend sich der
Tagesablauf bei der Betreuung abspielt. Dabei nimmt Woody Brown, der aus
eigener Erfahrung schöpft, nicht nur die Perspektive des Klienten Walter ein,
der die wenigen angebotenen Förderangeboten nutzt und dabei, wie der Autor es
selbst beschreibt, häufig infantilisiert wird. Ebenso betrachtet er aus Sicht
eines Mitarbeitender die herausfordernde Aufgabe, eine Gruppe mit
verschiedensten Behinderungen über viele Stunden hinweg zu beschäftigen. Jede
Aktivität muss dabei auf ihre Auswirkungen auf den Einzelnen abgestimmt werden,
denn was den einen anregt, kann bei einem anderen beispielsweise Überforderung
und Frustration auslösen. Auch ein Hinweis auf fehlende finanzielle Mittel für
die weitere Ausstattung der Betreuungseinrichtung fehlt nicht. Besonders
bewegend ist es, wenn deutlich wird, wie schwierig es aufgrund des fehlenden sprachlichen
Austausches sein kann, Liebe und Zuneigung für einen anderen Menschen
auszudrücken. Hier und da hätte ich mir noch eine weitere Ausarbeitung eines
Charakters gewünscht.
Mit seinem Roman gelingt es Woody Brown auf den
Facettenreichtum und die Individualität der Menschen hinzuweisen, Vorurteile
gegenüber Behinderten abzubauen und damit eines der Ziele zu erreichen, die er
sich mit seinem Buch gesetzt hat. Zum Ende hin gibt es noch eine unerwartete,
ergreifende Wendung in Bezug auf einen der Protagonisten. „Ein ganz normales
Wunder“ regt dazu an, die eigenen Vorstellungen von Kommunikation,
Selbstbestimmung und geistiger Teilhabe zu hinterfragen. Gerne empfehle ich das
Buch weiter.









