Rezension von Ingrid Eßer
Titel: Wirf einen Schatten
Autorin: Elena Fischer
Erscheinungsdatum: 22.07.2026
Verlag: Diogenes
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
spätere ISBN für das Hardcover: 9783257073904
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Der Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer führt zurück
zum Heiligabend des Jahres 1963. Statt sich auf das kommende Weihnachtsfest zu
freuen, wird der Protagonist Joseph vermutlich allein auf seinem Bauernhof
verbringen. Schon auf der ersten Seite spricht sein Kummer aus den Zeilen und
der Anlass dafür wird angedeutet: Seine Frau hat ihn verlassen und den gemeinsamen
vierjährigen Sohn mitgenommen. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen, die
bereits verstorben sind. Wo einst Betriebsamkeit herrschte, ist nun Einsamkeit
eingekehrt.
Sein Beruf verlangt Joseph täglich einiges ab, doch nun
bleibt ihm Zeit darüber nachzudenken, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er
fragt sich, ob ihn überhaupt jemand oder etwas ihn vermissen würde und kommt zu
einer ernüchternden Antwort. Am tiefsten Punkt seiner Überlegungen klingt es an
der Tür. Es ist jedoch nicht die Person, auf die er insgeheim hofft, sondern
eine unbekannte junge Frau, die in der Folgezeit einigen Wirbel verursacht.
Außerdem lebt seine Schwägerin nur unweit entfernt. Von Beginn an ist spürbar,
dass er zu ihr eine besondere Beziehung hat, auch wenn die Hintergründe lange
im Dunkeln bleiben.
Nach und nach wird deutlich, warum Joseph so sehr mit sich
selbst ringt. Bereits als Kind wurde er von seinen Eltern ständig mit seinem
Bruder verglichen, meist nicht zu seinem Vorteil. Immer wieder unterbrechen
Rückblenden die Gegenwartshandlung und formen das Bild der Lebensvorstellungen seines
Vaters, seiner Mutter und seiner Großmutter in den 1920er und späteren Jahren.
Eine zweite Erzählebene führt in wechselnden Kapiteln immer
weiter in die Vergangenheit. Darin durchlebt Joseph noch einmal die einzelnen
Phasen der Beziehung zu seiner Frau bis hin zu ihrem Kennenlernen. Indem die
Geschichte rückwärts erzählt wird, schließt sich der anfänglich klaffende Spalt
der Trennung immer weiter zu und es wird die unbeschwerte Anfangszeit ihrer
Liebe spürbar. Es zeigt sich aber auch, dass Joseph seinen Alltag einfach
weitergeführt und nicht daran gezweifelt hat, dass seiner Frau das ländliche Leben
gefallen wird, obwohl sie in der Stadt aufgewachsen ist und immer dort gewohnt
hat.
Joseph ist ein gebildeter und sensibler Mann, der sich den Gegebenheiten
und den Erwartungen seines Umfelds angepasst hat. Das Erscheinen der
unbekannten jungen Frau in seiner dunkelsten Stunde wirkt zwar konstruiert, setzt
jedoch einen entscheidenden Veränderungsprozess in Gang. Insbesondere die
weiblichen Hauptfiguren der Geschichte, die Selbstbewusstsein entwickelt haben
und sich souverän geben, zeigen ihm, dass man sich aus seiner Rolle lösen kann.
In ihrem Roman „Wirf einen Schatten“ lässt Elena Fischer den Zeitgeist des Jahres 1963 wieder aufleben, in der traditionelle Werte noch hochgehalten wurden, aber bereits gesellschaftliche Umbrüche spürbar waren. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne zeichnet sie die Gefühle des Protagonisten, der zwischen Pflicht und Sehnsucht mit sich hadert und nach einem Dasein sucht, das er für lebenswert hält. Gerne empfehle ich das Buch weiter.









