Sonntag, 31. Mai 2026

Rezension: Die Mitternachtsreise von Matt Haig


Die Mitternachtsreise

Autor: Matt Haig
Übersetzerin: Sabine Hübner
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 21. Mai 2026
Verlag: Droemer Knaur

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Wilbur ist 81 Jahre alt, als er an einem Herzinfarkt stirbt. Er findet sich als Geist an einem Bahnhof wieder, in der Hand ein Ticket für den Mitternachtszug. Dieser fährt kurz darauf ein, und ein weiterer Geist heißt ihn Willkommen. Es ist Agnes Bagdale, in deren Buchladen Wilbur als Kind stundenlang stöbern konnte und den er später übernommen und zu einer großen Kette ausgebaut hat. Sie nimmt ihn mit auf eine chronologische Reise durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit. Bei den Momenten, die ihn am meisten geprägt haben, muss er aussteigen und sie als Geist beobachten. Wilbur durchlebt die Höhen und Tiefen seines Lebens und beginnt sich zu fragen, ob er etwas anders hätte machen sollen. Agnes beharrt darauf, dass die Vergangenheit unabänderlich ist und er sich an die Regeln halten müsse. Denn sonst… ja, was eigentlich?

Das Buch beginnt im Jahr 1974 in Venedig, wo sich Wilbur mit seiner Frau Maggie in den Flitterwochen befindet. Die beiden genießen die Zeit in vollen Zügen und überlegen, wie es wohl wäre, für immer in der Stadt zu bleiben. 52 Jahre später lebt Wilbur allein und ist verwundert, als Maggie ihn anruft, denn er hat seit Jahrzehnten nicht mit ihr gesprochen. Der Wunsch nach weiteren Gesprächen wird durch seinen Tod, der ihn kurz darauf ereilt, nicht erfüllt. Als Leserin war ich natürlich neugierig, was in all den Jahren dazwischen passiert ist.

Bevor man wieder im Jahr 1974 landet vergeht einige Zeit, denn erst einmal erhält man Einblicke in Wilburs schwierige Kindheit. Sein Vater ist im Krieg gestorben, seine Mutter ist mit zwei Kindern sichtlich überfordert und das Geld ist knapp. Wilburs älterer Bruder Dougie gerät schon früh auf die schiefe Bahn. Auch Maggie, die Wilbur schon seit der Kindheit kennt, hat bald ihren ersten Auftritt. Das Tempo ist hoch, da immer nur einzelne prägende Szenen aus Wilburs Leben herausgegriffen werden. Dazwischen gibt es Szenen im Zug, in denen Wilbur sein Leben vorbeiziehen sieht, Agnes über die Regeln ausfragt und reflektiert, wieso er welche Entscheidung getroffen hat.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Wilbur und Maggie hat mir sehr gut gefallen. Die beiden passen perfekt zusammen und als Leserin hoffte ich, dass Wilbur begreift, in welchen Momenten er Entscheidungen getroffen hat, die ihn von Maggie entfernt haben. Während Agnes darauf beharrt, dass Wilbur als Geist keinerlei Einfluss auf das Geschehene nehmen kann, gibt es immer wieder Momente, die daran zweifeln lassen. Daher blieb ich gespannt, ob nicht doch irgendetwas Unerwartetes passieren wird, bevor die Fahrt wie von Agnes angekündigt in der Ewigkeit endet.

„Die Mitternachtsreise“ ist eine wirklich gelungene Ergänzung zu „Die Mitternachtsbibliothek“. Über den Gastauftritt von Nora, der Protagonistin des ersten Buchs, habe ich mich sehr gefreut. Die Überlegungen, welche Leben man mit anderen Entscheidungen hätte leben können, werden hier durch eine rückblickende Perspektive ergänzt. Wer den ersten Band mochte, der sollte nicht zögern, in den Mitternachtszug einzusteigen!


Rezension: Widdersehen - Ein Schafskrimi von Leonie Swann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Widdersehen - Ein Schafskrimi
Autorin: Leonie Swann
Erscheinungsdatum: 14.04.2026
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783755801061
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Viele Jahre nach ihren Romanen „Glennkill“ und „Garou“ legt Leonie Swann mit „Widdersehen“ eine Fortsetzung ihrer beliebten Schafkrimis vor. Das Wortspiel des Titels versteht sich also im doppelten übertragenen Sinn. In der Welt der Schäferin Rebecca und ihrer Herde ist seit den letzten Ereignissen wenig Zeit vergangen. Doch nun ist etwas geschehen, dass die Schäferin veranlasst, ihre in Frankreich grasenden Schafe wieder zurück in die Heimat nach Irland zu bringen.

Die aus den früheren Büchern bekannten Schafe Miss Marple, Mopple, Othello und Ritchfield sowie noch einige weitere Tiere der Herde können zunächst kaum glauben, dass es wirklich ihre frühere Weide in Glennkill ist, auf der sie wieder grasen dürfen. Aber sie sind irritiert, weil sich darauf ein paar fremde Schafe befinden. Als Rebecca kurz darauf verschwindet, wagen sich die mutigsten Tiere in den Schäferwagen. Dort finden sie einen blutigen Finger. Wem mag das Körperteil gehören? Aus welchem Grund wurde es abgetrennt? Neben der Suche nach dem Verbleib von Rebecca, gilt es nun auch, das Rätsel um den Finger zu lösen.

Für die Schafe ist Rebecca die wichtigste Bezugsperson. Sie sitzt oft auf den Stufen ihres Wagens, liest der Herde vor oder lässt ihre Gedanken laut schweifen. Umso größer ist die Verunsicherung über ihr plötzliches Verschwinden.

Es sind nicht nur Schafe, die bereits aus den früheren Bänden bekannt sind, sondern auch menschliche Figuren wie beispielsweise der Metzger. Nicht alle sind der Herde wohlgesonnen, aber für die Tiere ist es schwierig, das herauszufinden. Die einzelnen Schafe unterscheiden sich durch ihren Charakter. In einer Auflistung zu Beginn des Buchs erhält man darüber eine schnelle Übersicht. Es ist durchgehend amüsant, wie Leonie Swann die Sprache ihrer tierischen Protagonisten gestaltet und den Schafkosmos mit zahlreichen Wortspielen lebendig werden lässt, wenn es hier „mäht“ und dort „wollt“. Zugleich regen die manchmal philosophisch anmutenden Gedanken der Herdentiere immer wieder zum Nachdenken an.

Eine besondere Rolle spielt die Ziege Madouc, die probeweise ein Schaf sein möchte. Mit Störrigkeit und Übermut setzt sie sich für die gemeinsamen Ziele ein. Ihr fehlen sowohl die früheren schlechten Erfahrungen in Glennkill als auch die schönen Erlebnisse, die vor allem darin bestanden, dass Rebecca und deren verstorbener Vater George als Vorbesitzer, der Herde regelmäßig vorgelesen haben. Das Auftreten von Rebeccas Bruder als neuem Protagonistin macht schnell deutlich, worin ein möglicher Grund für das Verschwinden der Schäferin liegen könnte.

Mit dem Krimi „Widdersehen“ gelingt Leonie Swan ein unterhaltsamer und vergnüglicher Roman um ein Verbrechen, an dessen Aufklärung eine Herde Schafe mit ihren Aktivitäten einen großen Anteil hat. Die Geschichte lebt von dem eigenwilligen Blick der Tiere auf die Welt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Rezension: Laute Nächte von Anne Freytag

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Laute Nächte
Autorin: Anne Freytag
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Kampa (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783311101666
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Der Münchner Kenni ist die zentrale Figur und zugleich Ich-Erzähler des Romans „Laute Nächte“ von Anne Freytag. Seit dem Unfalltod seiner Freundin hat er den Halt im Leben verloren. Vorher hatten sie gemeinsam einen festen Plan: Sie hatten einen Camper hergerichtet, um damit drei Wochen lang auf Reisen zu gehen. Einige Zeit nach diesem einschneidenden Verlust zieht Kenni schließlich ohne große Erwartungen nach Wien, wo er ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hat.

Anne Freytag gelingt es von Beginn an, Kennys Gefühlswelt authentisch darzustellen. Seine Orientierungslosigkeit und die Unfähigkeit, den Verlust zu begreifen oder angemessen damit umzugehen, werden glaubhaft vermittelt. In der WG lernt er drei sehr verschiedene Mitbewohnende kennen, die prägend für seine Zukunft sein werden. Da ist zunächst sein Vermieter Paul, der mit Tennis ein kleines Vermögen verdient hat und ihm nun genauso verloren erscheint, wie er selbst sich fühlt. Beiden gelingt es zunächst nicht, sich anderen gegenüber zu öffnen und über ihre Erfahrungen der vergangenen Zeit zu reden. Während Elif gesellig und lebensfroh ist, zieht Julia sich lieber in ihr Zimmer zurückzieht.

Die Autorin zeigt einfühlsam, wie es Kenni schrittweise gelingt, neben seiner anhaltenden Trauer, verdrängte Gefühle wieder zuzulassen und auf diese Weise langsam neue Freude am Leben zu finden. Als er sich schließlich dazu entschließt, die geplante Reise doch anzutreten, entscheidet Elif sich, ihn zu begleiten. Neun Jahre später finden sich seine früheren Mitbewohnenden zu einer Ausstellung seiner Arbeiten in Zürich ein. Der Abend bringt für Kenni erneut eine große Veränderung in seinem Leben, die er so nicht erwartet hätte.

In Rückblicken, aber auch in der Folgezeit setzt Kenni sich mit seiner immer noch vorhandenen Trauer zunehmend kritisch auseinander, wobei er seine Gefühle für Elif stets als Verrat an seiner verstorbenen Freundin sieht. Die Darstellung der inneren Zerrissenheit mit all ihren Höhen und Tiefen ist dabei authentisch und glaubhaft. Trotz des schweren Themas wirkt „Laute Nächte“ jedoch nie bedrückend, sondern lebt von der besonderen Dynamik der WG und den gemeinsamen Nächten, in denen Erfahrungen gemacht werden, die das Leben nachhaltig verändern können. Diesen Roman über Verlust, Freundschaft und Neuanfang empfehle ich den Roman weiter.


Montag, 25. Mai 2026

Rezension: Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette von Valérie Perrin

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette
Autorin: Valérie Perrin
Übersetzerin aus dem Französischen: Hanne Reinhardt
Erscheinungsdatum: 30.04.2026
Verlag: Gutkind (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband

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Im Oktober 2010 erhält die in Paris lebende, achtunddreißigjährige Regisseurin Agnès Dugain einen Anruf von der Polizei aus der burgundischen Stadt Gueugnon. Im Telefonat wird sie über den Tod ihrer Tante Colette Septembre informiert, deren letzte Angehörige sie ist. Agnès ist fassungslos, denn ihre Tante, die sie früher liebevoll „Tata“ nannte, ist bereits vor drei Jahren verstorben. Sie ist Realistin und weiß, dass niemand „wiederstirbt“. Mit dieser ungewöhnlichen Situation schafft die Autorin Valérie Perrin eine spannende Ausgangslage für ihren Roman, der den Kosenamen der Tante von Agnès trägt und im Untertitel bereits auf das zu erwartende Geheimnis hinweist.

Im Folgenden entfaltet sich eine komplexe Geschichte, die tief in die Vergangenheit der Regisseurin führt. Agnès wuchs im Südosten Frankreichs auf. Ihre Eltern waren bekannte Musiker, die ihre Tochter in den Ferien zu Colette schickten, die in Gueugnon eine Schusterwerkstatt betrieb. Soweit Agnès weiß, blieb ihre Tata unverheiratet und kinderlos. Bis zu ihrer kürzlich erfolgten Scheidung lebte die Regisseurin mit ihrem Mann und ihrer Tochter in den Vereinigten Staaten. Daher war sie bei der Beerdigung vor drei Jahren nicht anwesend. Jetzt jedoch begibt sie sich ins Burgund, um das Geheimnis ihrer Tante aufzudecken. In Gueugnon trifft Agnès auf drei Freunde aus der Kindheit, die bei ihrer Suche behilflich sind.

„Tata“ verbindet Elemente eines historischen Romans, einer Liebesgeschichte und eines Kriminalfall. Valérie Perrin erzählt abwechslungsreich, unter anderem durch wechselnde Erzählperspektiven und unterschiedlichen stilistischen Ebenen. Neben den Lebensgeschichten der beiden Protagonistinnen Agnès und Colette schildert die Autorin uch die bewegte Vergangenheit von Agnés‘ Eltern, ihrer Freunde sowie einer besonderen Person, die Colette viel bedeutete. Dabei werden berührende Themen angeschnitten, die zeigen, dass das Schicksal vor niemandem und nichts zurückschreckt und Familie nicht nur durch Blutsbande entsteht. Ab etwa der Mitte kommt es durch die ausführlichen Nebenhandlungen allerdings zu einiger Länge. Der Schauplatz im Burgund mitsamt den Bewohnenden wirkt besonders authentisch, weil die Autorin dort beheimatet ist.

Mit „Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette“ gelingt es Valérie Perrin durch ihre außergewöhnliche Prämisse Neugier zu wecken und eine durchgehend hintergründige Spannung zu erzeugen. Facettenreiche Figuren und ein vielseitiger Schreibstil sorgen für eine ebenso lebendige wie tiefgründige Unterhaltung, die ich gerne weiterempfehle.

Dienstag, 19. Mai 2026

Rezension: Meeresdunkel von Till Raether

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Meeresdunkel
Autor: Till Raether
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit Farbschnitt
ISBN: 9783499017193
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Das Buch „Meeresdunkel“ ist der erste Thriller von Till Raether. Darin schickt er zwei Familien auf die Insel Mallorca in eine alte Finca. Zunächst entsteht der Eindruck, dass beide Familien unabhängig voneinander nur aufgrund einer Mail der Vermieterin das Haus gebucht haben. Im Verlauf zeigt sich jedoch, dass deutlich mehr Zusammenhänge zwischen den Protagonist*innen bestehen, die sie auch zu diesem Urlaub gebracht haben.

Henrike erhält eine Nachricht, dass die Finca am Ende einer Bucht kurz vor der Renovierung steht und daher besonders günstig zu mieten sei. Spontan bucht sie das Haus, um ihren Mann damit zu überraschen, in der Annahme, er werde zustimmen, da er etwas wiedergutzumachen habe. Begleitet wird sie von ihren beiden vierzehnjährigen Zwillingen sowie ihrem Bruder. Sie ahnt nicht, dass zur gleichen Zeit auch Marie die Finca gebucht hat, ebenfalls nach Erhalt derselben E-Mail. Marie reist mit ihrem Ehemann Samuel und dem achtjährigen Sohn Juri begleitet.

Beide Paare gehen davon aus, dass es nur bis zum nächsten Tag dauern wird, bis der Irrtum der Doppelbuchung sich aufklärt. Darum arrangieren sie sich in dem großen maroden Haus, in das bereits Feuchtigkeit eingedrungen ist. Als Lesende konnte ich nicht so recht nachvollziehen, warum man sich auf ein solch dubioses Buchungsangebot einlässt. In der ersten Hälfte baut sich trotz latenter Spannung nur langsam eine bedrohliche Atmosphäre auf, und es wirkt lange nicht so, als könnte es bald zu einem Mord kommen. Die handelnden Figuren fallen mit immer mehr Eigenheiten auf und es werden erste Details zu deren Hintergrund erzählt. Das Wetter wird zunehmend ungemütlich, ein Closed-Room-Setting beginnt sich abzuzeichnen, bis dann endlich die Täterin oder der Täter angreift.

Till Raether setzt mehr auf undurchsichtige Charaktere statt auf eine steigende Spannung. Nach dem Verbrechen baut der Autor die komplexen Verflechtungen rund um seine Protagonist*innen und zwielichtigen Nebenfiguren weiter aus. Für mich waren nicht immer die Gründe nachvollziehbar, wer seine Zuneigung wem entgegenbrachte. Die Handlung wirkt zunehmend konstruiert und wenig realistisch. Dennoch ist der Unterhaltungswert des Thrillers „Meeresdunkel“ aufgrund bedrückender Atmosphäre, unerwarteter Wendungen und einem überraschenden Ende gegeben. 

Sonntag, 17. Mai 2026

Rezension: Mirabellentage von Martina Bogdahn

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013542
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Im Roman „Mirabellentage“ von Martina Bogdahn erzählt die Pfarrhaushälterin Anna Nass, Anfang fünfzig, in der Ich-Perspektive von ihrem arbeitsreichen Leben im bayrischen Blumfeld. Der Pastor, für den sie tätig war und den sie seit ihrer Kindheit kannte, ist im Alter von nur siebenundfünfzig Jahren plötzlich verstorben. Genau wie sie ist er vor Ort in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen, wobei er ein paar Jahre älter war. Beide haben die Natur geliebt, was sich auch in den schönen Schilderungen der Landschaft widerspiegelt. Zum Pfarrhaus gehört ein großer Garten in dessen Mitte ein Mirabellenbaum steht, der mit seinen Früchten dafür sorgt, dass jeder Besuchende des Hauses ein Glas Konfitüre erhält und dem Buch seinen Titel gibt.

In der Natur umherzustreichen war sowohl für Anna als auch für Josef befreiend von all den Erwartungen, die ihnen vom Elternhaus auferlegt wurden. Im Verlauf der Handlung erinnert sich die Haushälterin immer wieder an diese Zeit zurück, weswegen das aktuelle Geschehen stellenweise ins Stocken gerät. Selbst schwierigen Situationen gewinnt Anna eine humorvolle Seite ab. Der gesamte Text wird von einem feinen Augenzwinkern begleitet, die Beschreibungen sind oft überspitzt dargestellt. Die Dorfbewohnenden sind äußerst geübt darin, aufgrund von kleinsten Bemerkungen die sonderbarsten Mutmaßungen aufzustellen. Die Gerüchteküche kocht und die Fantasie lässt diese mit jeder Weitergabe der Vermutung übersprudeln. Martina Bogdahn bedient so manches Klischee des Landlebens, versteht es jedoch dabei auch, auf verschiedene Probleme hinzuweisen.

Der Tod des Pfarrers in der Gegenwart des Jahres 2010 und sein damit verbundener letzter Wille stellen Anna vor unerwartete Herausforderungen, aus denen sich weitere zahlreiche, amüsante Szenen ergeben. Doch sie steht zu ihrem Wort, auch wenn sie dabei über ihren Schatten springen muss. Auf dem Weg, die übernommene Aufgabe auszuführen, stellt sie fest, dass nur derjenige heimkommen kann, der zuvor weggegangen ist. 

Der neue Priester, der wenig später ins Pfarrhaus einzieht, stammt aus Norddeutschland und sorgt erwartungsgemäß im Ort für neue Spekulationen, da er auf direktem Wege aus Rom eintrifft. Bald schon erweist er sich als recht selbständig, so dass Anna um ihre Anstellung bangt. Hinter ihrem Frohsinn kann sie die Notwendigkeit, sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunftsgestaltung zu machen, nicht verbergen.

In ihrem Roman „Mirabellentage“ schildert Martina Bogdahn das Leben der Pfarrhaushälterin Anna Nass im ländlichen Blumfeld. Sie greift dabei auf vergnügliche Weise im überzeichneten Maß die Eigenheiten des Dorflebens auf, deutet gleichzeitig aber auch problematische Seiten im ländlichen Zusammenleben an. Gerne empfehle ich diese unterhaltsame, warmherzige Geschichte an Lesende mit einem Sinn für das Komische weiter.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Rezension: Der Aschefeuerkönig von Chelsea Abdullah


Der Aschefeuerkönig
Autorin: Chelsea Abdullah
Hardcover: 640 Seiten
Erschienen am 11. April 2026
Verlag: Klett-Cotta
Link zur Buchseite des Verlags

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Nach dem epischen Kampf gegen Omar und seine vierzig Räuber sind Loulie, Mazen und Rijah durch ein Loch in die Welt der Dschinn gestürzt. Dort finden sie sich auf einer Insel in einem Ozean aus Sand wieder. Ein Schiff bringt sie in die Stadt Dhahab, wo sie alles andere als freundlich empfangen werden. Die ehemalige Räuberin Aisha muss sich unterdessen damit abfinden, dass sie sich ihren Körper fortan mit der Dschinn der Auferstehung teilt. Als sie in der Wüste auf Hakim trifft, schmieden die beiden gemeinsam einen Plan, um Qadir aus den Fängen Omars zu befreien.

Den ersten Teil der Sandsea Chronicles, „Der Sternenstaubdieb“, habe ich vor über einem Jahr gelesen. Daher fand ich es klasse, dass zu Beginn dieser Fortsetzung auf ganzen acht Seiten zusammengefasst wird, was bisher geschah. Dadurch war ich schnell wieder mittendrin in der Geschichte und war neugierig, was Loulie in der versunkenen Welt der Dschinn erleben wird. Erst einmal müssen sie herausfinden, was in der Stadt Dhahab eigentlich vor sich geht, während an der Oberfläche Aisha und Hakim Pläne schmieden.

Das Tempo der Geschichte ist zunächst gemächlich. Es wird viel diskutiert und Pläne werden geschmiedet. Dabei musste ich erst mal verstehen, was genau nun das Problem ist. Die Welt der Dschinn ist nämlich versunken, und innerhalb der versunkenen Welt versinken nun die Städte im Sand. Nun wollen einige die von den Ifrit erschaffenen Bindungen gelöst werden, damit die ganze Welt wieder auftauchen kann, andere sind aber strikt dagegen. Das klingt kompliziert und ist es auch. Tagelang kam ich in der Geschichte nicht richtig vorwärts, bis endlich mehr Schwung in die Handlung kam.

In diesem Buch geht es viel um Bündnisse, die eingegangen und wieder gebrochen werden und geheime Pläne, welche das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können. Die magische Welt der Dschinn ist dafür eine tolle, atmosphärische Kulisse. Ich habe die Charaktere schnell wieder ins Herz geschlossen und bangte mit, ob ihre riskanten Wagnisse sich auszahlen werden. Mindestens hundert Seiten weniger hätten dem Buch gut getan, um mehr Schwung ins Geschehen zu bringen. 

Letztlich ist es ein typischer Mittelteil, in dem viele Weichen für das große Finale im dritten Band gestellt werden und man das Gefühl hat, dass dafür noch einiges aufgespart wird. Ein fieser Cliffhanger am Ende des Buches sorgte dafür, dass ich am liebsten sofort weiterlesen will, um zu erfahren, wie die Geschichte enden wird. Wer die magische Welt aus „Der Sternenstaubdieb“ mochte, der findet in diesem Buch neue Abenteuer für die liebgewonnenen Charaktere auf dem Weg zum Showdown. 


Mittwoch, 13. Mai 2026

Rezension: Zeit für meine Träume - Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen von Tessa Randau

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zeit für meine Träume:
Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352772

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In ihrem Buch „Zeit für meine Träume“ zeigt Tessa Randau auf, dass es möglich ist, wieder Vertrauen zum Leben zu gewinnen, wie es auch im Untertitel heißt. Die Autorin erzählt novellenartig von einer zukunftsweisenden Begegnung im Leben einer unbenannten 38-jährigen Frau, deren Ehemann sich erst vor Kurzem von ihr getrennt hat, weil er mit seiner neuen Freundin ein Kind erwartet. Besonders schwer lastet diese Situation auf ihr, da sie gemeinsam seit einiger Zeit einen bislang noch unerfüllten Kinderwunsch hegten. Von Enttäuschung geprägt, zieht sie sich weitestgehend aus ihrem sozialen Umfeld zurück, auch um ihrem Exmann nicht zu begegnen.

Als sie eines Tages die ältere Lotte trifft, die mit schweren Einkaufstaschen überfordert wirkt, bietet sie spontan ihre Hilfe an und trägt die Einkäufe zu ihr nach Hause. Dort lernt sie Lottes Mitbewohnende Anita und Jochen kennen. Die Seniorinnen und der Senior sind allesamt über siebzig Jahre alt, Jochen steht sogar kurz vor seinem 80. Geburtstag. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und gesundheitlicher Beschwerden sind sie gutgelaunt und verströmen Lebensfreude. Sie unterstützen gegenseitig mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und gönnen sich manche kulinarische Freude. Der jüngeren Frau zeigen sie, dass Familie nicht immer auf Blutsbande beruht, sondern auch auf Zusammenhalt und Vertrauen basieren kann.  

Tessa Randaus Protagonistin bleibt so wie in den vorigen Büchern der Autorin namenlos und erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive. Dadurch fällt es leicht, sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Die Handlung ist gut nachvollziehbar, emotional berührend und lebensnah. Der Autorin gelingt es zu zeigen, dass Freundschaft neue Kraft vermitteln kann, selbst nach schweren Enttäuschungen.

Tessa Randaus Buch „Zeit für meine Träume – Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen“ ist eine bewegende und ermutigende Erzählung über zweite Chancen im Leben. Sie vermittelt die Botschaft, dass es nie zu spät ist, an die Verwirklichung seiner Träume zu glauben. Sehr gerne empfehle ich die Novelle weiter.

Dienstag, 12. Mai 2026

Rezension: Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein Ort, der bleibt
Autorin: Sandra Lüpkes
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463000671

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In der türkischen Bezeichnung des Botanischen Gartens Istanbul ist der Name des Gründers Alfred Heilbronn erhalten geblieben. Neben einem Handlungszweig, der in der Gegenwart spielt, reist Sandra Lüpkes in ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ in der Zeitgeschichte zurück in die 1930er und 1940er Jahre, als der Garten angelegt und zu Bedeutung gekommen ist.

Neben dem Botanischen Garten stehen drei Frauen im Mittelpunkt der Handlung. Eine von ihnen ist Magda Heilbronn, Jahrgang 1889 und Ehefrau des Gründers. Obwohl sie nach der Geburt ihrer Kinder promovierte und einen Doktortitel in Philosophie erwarb, wurde ihr der erhoffte Lehrauftrag an der Universität ihres Wohnortes Münster verwehrt. Sie drängt ihren Mann, der Einladung zu folgen, ein Botanisches Institut in Istanbul aufzubauen.

Etwa zur gleichen Zeit strebt auch die einige Jahre jüngere, in Istanbul lebende Mehpare Basarman eine Habilitation an. Später wird sie zur geschätzten Assistentin von Alfred Heilbronn. Mit großer Sachkenntnis beschreibt die Autorin das Sammeln, Züchten und Pflegen von Pflanzen. Dabei wird spürbar, mit wie viel Begeisterung die Botanik*innen sich ihrer Aufgabe widmen.

Während Magda und Mehpare historische Persönlichkeiten sind ist Imke, die dritte Protagonistin des Romans, eine fiktive Figur. Eine befristete Anstellung als Stadtplanerin führt sie in der heutigen Zeit von Münster nach Istanbul. Dort arbeitet sie an einem Gutachten mit, das über die Zukunft des Botanischen Gartens entscheiden soll. Durch Imkes Perspektive greift Sandra Lüpke zudem die Situation von Frauen in der Türkei auf.

Dank ihrer sorgfältigen Recherche lässt Sandra Lüpkes sowohl die Zeit als auch die Schauplätze lebendig werden. Sie verdeutlicht die zunehmenden Repressalien, die jüdische Wissenschaftler in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hinzunehmen hatten und lenkt damit den Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte. Es werden Magdas Sorgen angesichts des Aufbruchs in ein fremdes Land mit einer anderen Kultur deutlich. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie schwierig es für Mehpare ist, sich in einem von Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb zu behaupten, obwohl in der noch jungen Republik offiziell eine Gleichstellung angestrebt wurde.

In ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ erzählt Sandra Lüpkes von einer heute kaum bekannten Episode der Geschichte: der Emigration deutsch-jüdischer Wissenschaftler*innen in die Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichzeitig thematisiert sie auch die Fragen nach Zugehörigkeit sowie den Platz der Frau in der Gesellschaft. Geschickt verbindet die Autorin historische Fakten mit fiktionalen Elementen und verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf überzeugende Weise. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Rezension: Mit anderen Augen von Jane Tara

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mit anderen Augen
Autorin: Jane Tara
Übersetzerin aus dem australischen Englisch: Tanja Handels
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
ISBN der Hardcoverausgabe: 978325616156

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Die Australierin Jane Tara greift in ihrem Roman „Mit anderen Augen“ auf metaphorische Weise das Thema der gesellschaftlichen Sichtbarkeit von Frauen auf. Die 52-jährige Protagonistin Tilda bemerkt zunehmend verzweifelt, dass ein Körperteil nach dem anderen verschwindet, wobei sie zwar noch die Teile spüren, aber nicht mehr sehen kann.

Tilda lebt allein in einem Haus mit Sicht auf das Meer. Vor fünf Jahren hat sie sich von ihrem Ehemann getrennt mit dem sie zwei erwachsene Töchter hat, zu denen sie enge Kontakte pflegt. Sie ist Fotografin und hat gemeinsam mit einer ihrer Freundinnen ein Unternehmen für Artikel mit Motivationssprüchen gegründet. Es ist nicht alles so, wie sie es sich in ihrem Leben erträumt hat, aber sie kommt gut zurecht.

Als sie an einem Morgen feststellt, dass ihr rechter kleiner Finger verschwunden ist, beginnt sie nach den Ursachen zu suchen. Nach und nach werden weitere Körperteile unsichtbar und zunehmend wird es schwierig, das vor anderen zu verbergen. Ein Arztbesuch liefert ihr eine Diagnose, aber keine Hoffnung. Doch Tilda weigert sich, ihr Schicksal einfach hinzunehmen.

Ich finde es eine gelungene Idee, wie die Autorin das Thema der Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit umsetzt. Sie schildert nicht nur das Schicksal einer Einzelperson, sondern zeigt zunächst, dass weit mehr Personen betroffen sind, als anzunehmen war. Tilda schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, in der sie sich jedoch unwohl fühlt, weil sie dort keinen Lichtblick in Bezug auf ihre Krankheit erhält.

Die Begegnung mit einem Mann in einem Café, zu dem sich bald eine Nähe entwickelt, sowie ihre Töchter, ihre Freundinnen und ihr Beruf geben ihr den Rückhalt nach Möglichkeiten zu suchen, ob sich die Unsichtbarkeit überwinden lässt. Dazu muss sie aber auch die Ursachen für ihre Erkrankung erkennen. Eine Therapeutin begleitet sie auf einem gefühlsmäßig schmerzhaften Weg in die Vergangenheit: In welchen Situationen ist sie gerne unauffällig geblieben? Welche Wünsche hat sie zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt? Und welche Erwartungen hat sie eigentlich noch an ihre Zukunft? Ein Langzeit-Automatismus der Gedanken begleitet Tilda dabei, wie jeden von uns, auf ihrer Suche nach Selbsterkenntnis.

Jedes Kapitel ist mit einem motivierenden Spruch, meist von einer bekannten Persönlichkeit, überschrieben. Obwohl Jane Tara dem Thema auch eine amüsante Seite abgewinnt und sie vor allem in Dialogen ausspielt, verliert sie nie die Ernsthaftigkeit. Auf dem Weg der Selbstfindung kommt der Meditation eine besondere Rolle zu, aber auch gegenseitige Unterstützung im weiteren eigenen Umfeld.

Ein Hauch magischer Realismus fließt in Jane Taras Roman „Mit anderen Augen“ ein, um das Problem vieler Frauen hervorzuheben, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden. Die Entwicklung der Protagonistin Tilda kann anderen dabei helfen, ähnliche Probleme zu reflektieren und über ein zufriedenes Selbstbild zu mehr Präsenz zu finden. Sehr gerne empfehle ich dieses bewegende und nachhallende Buch weiter.

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