Sonntag, 1. Februar 2026

Rezension: Die Routinen von Son Lewandowski

 


Die Routinen
Autorin: Son Lewandowski
Hardcover: 272 Seiten
Erschienen am 17. Januar 2026
Verlag: Klett-Cotta
Link zur Buchseite des Verlags

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Amik sitzt im Publikum der Turn-Europameisterschaften, als sie den schweren Sturz von Izzy beobachtet. Diese hat jahrelang mit ihr ein Zimmer geteilt und gilt als neue Hoffnungsträgerin, während Amik selbst es nach vielen erfolgreichen Wettkämpfen nicht mehr in den Kader geschafft hat. Nun sitzt sie am Krankenbett der komatösen Izzy und reflektiert ihren eigenen Werdegang. Parallel dazu erzählt ein kollektives Wir die Geschichte all der Turnerinnen, die seit den 1960er Jahren viel geopfert haben, um erfolgreich zu sein – ihre Kindheit, ihre Gesundheit und noch mehr.

Der Roman beginnt mit dem Sturz von Izzy, nach dem ich jedoch erst einmal nicht erfuhr, wie es ihr geht. Stattdessen beginnt nach wenigen Seiten das kollektive Wir mit seinen Erinnerungen, beginnend bei Nadia Comaneci. Es erzählt von der harten Arbeit der Turnerinnen im Leistungssport, dem damit verbundenen Druck und den Erwartungen von Außen. Die Trainer:innen treiben die Mädchen psychisch bis an ihre Grenzen, schlagen sie und lassen sich dann für die sportlichen Erfolge feiern. Diese Passagen lesen sich wie ein erzählendes Sachbuch und nahmen mich mit durch die Jahrzehnte bis in die Gegenwart zu Simone Biles und Larry Nassar.

Amik ist im Gegensatz dazu eine fiktive Person, die ähnliches erlebt wie die historischen Vorbilder und die als Ich-Erzählerin die Leser:innen nah an sich heranlässt. Hautnah konnte ich mitverfolgen, wie sie mithilfe eines starken Willens und Ehrgeiz ihre Karriere im Turnsport aufbaut und was sie dafür in Kauf nehmen muss. Ihre Eltern werden kaum erwähnt, für Freunde bleibt keine Zeit, die Beziehung zu den anderen Turnerinnen schwankt zwischen Zusammenhalt und Konkurrenz, ihr ganzes Leben gilt dem Sport. Im Gegenzug erhält sie viel Druck und wenig Anerkennung. Dass sie sportlich lange Zeit sehr erfolgreich war wird kaum erwähnt, an diese schönen Erinnerungen verschwendet sie kaum einen Gedanken. Was bleibt ist eine ernüchternde Bilanz und die Erkenntnis, das sich Amiks Schicksal immer wieder auf ähnliche Weise wiederholt.

Dass unter der glitzernden Oberfläche der Welt des Turnsports Abgründe lauern, ist keine neue Information. Son Lewandowski gelingt es, ihre Leser:innen nah an die Schicksale der Turnerinnen heranzuholen und sie nicht nur mit Amik mitfühlen zu lassen, sondern auch mit all den Generationen an Turnerinnen, wobei die Frage aufkommt, wieso das System schon so viele Jahrzehnte voller Selbstverständlichkeit bestehen kann. Zentrale Sätze werden häufig wiederholt und prägen sich damit besonders ins Gedächtnis ein. Mir persönlich haben die Passagen des kollektiven Wirs etwas besser gefallen als Amiks Geschichte, hier fehlte mir in der Gegenwart die Entwicklung der Figuren. Wer tiefer in die Welt des Turn-Leistungssports eintauchen und hinter die Fassade blicken möchte, der ist bei „Die Routinen“ genau richtig.


Mittwoch, 28. Januar 2026

Rezension: Great Big Beautiful Life von Emily Henry

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Great Big Beautiful Life
Autorin: Emily Henry
Erscheinungsdatum: 02.05.2025
Verlag: Knaur
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783426284353
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„Great Big Beautiful Life“ ist der erste Roman der US-amerikanischen Autorin Emily Henry, den ich gelesen habe. Das Buch verbindet Romance mit einer fiktiven Familiengeschichte, die sich über ein Jahrhundert erstreckt. Im Mittelpunkt steht Margaret Grace Ives, die inzwischen betagte Enkelin eines Medienmoguls. Einst als „Prinzessin der Boulevardpresse“ bekannt, hat sie sich nach zahlreichen Skandalen vor Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Die Journalistin Alice Scott spürt Margaret auf Little Crescent Island auf. Dort erklärt sich diese bereit, aus ihrem Leben zu erzählen, allerdings nicht nur Alice, sondern auch dem Literaturpreisträger Hayden Anderson. Beide erhalten eine Probezeit, bis sie sich für einen von ihnen entscheiden wird. Außerdem untersagt Margaret ihnen, sich gegenseitig über ihre Gespräche mit ihr auszutauschen.

Zeit ihres Lebens verfügte Margaret über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, doch bis zu ihrem Rückzug stand sie permanent im grellen Licht der Medien. Emily Henry zeigt eindrücklich, wie man im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten zu Reichtum und Ruhm gelangen konnte. Sie beleuchtet dabei die Macht der Presse, die maßgeblich zur Meinungsbildung beiträgt. Es wird deutlich, dass die schillernde Welt der Berühmtheiten, die verbunden ist mit ständiger öffentlicher Aufmerksamkeit auch eine hässliche Seite haben kann.  

Emily Henry wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Alice berichtet von den Ereignissen in der Gegenwart in der Ich-Perspektive, während sie die Rückblicke auf Margarets Geschichte als allwissende Erzählerin wiedergibt. Zu Beginn entwickelt sich die Beziehung zwischen Alice und Hayden nur langsam, gewinnt dann zunehmend an Bedeutung, bis sie zeitweise stagniert. Der Spice zwischen den beiden nimmt im Verlauf der Handlung spürbar zu. Ihre Konkurrenz sorgt anfangs für Misstrauen. Durch die gewählte Erzählperspektive bleiben Haydens Gefühle teilweise verborgen, während die von Alice gut nachvollziehbar sind.

Der Roman „Great Big Beautiful Life“ von Emily Henry sorgt für unterhaltsame Lesestunden. Die Autorin schreibt lebendig, mit emotionaler Tiefe und feinem Humor. Auch wenn einige Entwicklung in der Liebesbeziehung vorhersehbar sind, überzeugt der Roman durch überraschende Wendungen auf beiden Erzählebenen sowie durch gut gehütete Geheimnisse in Margarets Familie. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Sonntag, 11. Januar 2026

Rezension: Three Shattered Souls - Macht ist Lüge von Mai Corland


Three Shattered Souls - Macht ist Lüge
Autorin: Mai Corland
Übersetzerinnen: Gesine Schröder, Nadine Mutz & Nadine Püschel
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 30. Dezember 2025
Verlag: FISCHER Tor
Link zur Buchseite des Verlags

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Mithilfe des Wasserzepters konnten Mikail, Sora, Aeri und Royo aus Khitan entkommen. Auf Gaya bleibt ihnen jedoch kaum Zeit zu verschnaufen, denn dank eines astronomisch hohen Kopfgelds sind die die meistgesuchten Personen der vier Reiche. Während sich Fürst Seok zum König ausrufen lässt, obwohl König Joon überhaupt nicht gestorben ist, stellt sich für die Gruppe die Frage, mit wem sie sich verbünden können. Erneut spielt so manch einer ein doppeltes Spiel. Werden sie sich behaupten können?

Nach den spannenden Ereignissen des zweiten Bandes wird es in diesem abschließenden Teil der Trilogie schnell wieder brenzlig. Mikail, Sora, Aeri und Royo hatten darauf gehofft, in Gaya ihre Kräfte zu sammeln und sich die nächsten Schritte in Ruhe zu überlegen. Doch bald schon findet der nächste Angriff auf ihr Leben statt. Mithilfe des Wasserzepters bewegt sich die Gruppe nun in großer Geschwindigkeit von einem Ort zum anderen, wodurch das Tempo hoch ist und ich schnell wieder mittendrin war.

Die Kapitel sind erneut aus wechselnden Perspektiven geschrieben und ich konnte mich sehr gut in die Charaktere hineinversetzen. Die erlebten Verluste haben vor allem Mikail und Sora schwer zugesetzt. Inzwischen ist der Gruppe klar, dass sie weitermachen müssen, bis sie ihre Ziele erreicht haben oder der Tod auf sie wartet. Auch Tiyung kommt wieder zu Wort, dieser ist noch immer mit Hana unterwegs und versucht, die Gruppe zu finden oder ihr zu helfen. 

Was mir an der Reihe wirklich gut gefällt sind die vielen unerwarteten Wendungen. Es gibt zahlreiche Geheimnisse und es ist oftmals nicht klar, wer hier eigentlich wem helfen will. Zweckbündnisse werden plötzlich wieder verworfen und es kommt unerwartete Hilfe, mit der man nicht gerechnet hätte. Am Ende warten eine große Schlacht und viele emotionale Szenen, welche die Reihe wirklich gelungen abschließen. Mich hat dieser finale Band wie auch die ganze Trilogie sehr gut unterhalten können!


Donnerstag, 25. Dezember 2025

Rezension: Himmelerdenblau von Romy Hausmann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Himmelerdenblau
Autorin: Romy Hausmann
Erscheinungsdatum: 27.08.2025
Verlag: Penguin
Buchformat: Klappenbroschur
ISBN: 9783328604280
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Das titelgebende Wort des Thrillers „Himmelerdenblau“ wurde von der mit sechszehn Jahren verschwundenen Julie als Kind erfunden und fungiert daher passend an einer Stelle als Safety Word. Die Podcast-erfahrene Autorin Romy Hausmann lässt im Buch in einem entsprechenden Medienformat das Paar Liv und Phil den zwanzig Jahre zurückliegenden Fall der noch immer vermissten Julie neu aufrollen. Die beiden suchen nach einem spektakulären neuen Puzzleteil, dass zu einer endgültige Aufklärung führen könnte.

Liv ist eine von mehreren Figuren, auf die sich der Fokus in ständig wechselnden Perspektiven richtet. Dazu gehört auch Daniel, der damalige Freund der Verschwundenen. Einen besonders breiten Raum nimmt Theo ein, der Vater von Julie. Seine Demenz stellt die Autorin eindrucksvoll und glaubwürdig dar. Sein Stolz beruht darauf, einst der Leiter der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Charité gewesen zu sein.

Romy Hausmann spielt mit den Lesenden, indem sie einige falsche Fährten auslegt. Kaum glaubt man, ein mögliches Szenario der damaligen Ereignisse erkannt zu haben, stellt es sich als Irrweg heraus. Gegen Ende wird eine der handlungstragenden Figuren tot aufgefunden, was nochmals zu einer überraschenden Wendung der Ereignisse führt. Erst auf den letzten Seiten überzeugt die Autorin mit einer Lösung, die man so nicht unbedingt erwartet hätte und die zugleich den Einsatz von Theo für seine Familie betont.

Der Thriller „Himmelerdenblau“ ist aufgrund zahlreicher unerwarteter Entwicklungen nicht nur durchgehend spannend, sondern durch Theos Schicksal auch berührend. Gerne empfehle ich das Buch an alle Lesenden des Genres weiter.

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Rezension: Rückkehr nach St. Malo von Hélène Gestern

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Rückkehr nach St. Malo
Autorin: Hélène Gestern
Übersetzerinnen aus dem Französischen: Patricia Klobusiczky und Brigitte Große
Erscheinungsdatum: 12.08.2025
Verlag: Rowohlt Kindler
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Im Roman „Rückkehr nach St. Malo“ der französischen Autorin Hélène Gestern habe ich leider nicht die fesselnde Geschichte gefunden, die der Klappentext verspricht. denn die Handlung verweilt häufig auf der Stelle. Der Geschichtsprofessor Yann de Kérambrun kehrt geraume Zeit nach dem Tod seines Vaters und während seiner laufenden Scheidung von seinem Wohnort Paris in das geerbte Haus der Familie nach Saint-Malo zurück. Dort erinnert er sich an die Sommer seiner Kindheit. Im Original heißt das Buch „Cézembre“ nach einer kleinen Insel, die etwa vier Kilometer von Saint-Malo entfernt liegt.

Yann schwelgt in Erinnerungen und erzählt von seinem Urgroßvater, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Schiffsantriebsgesellschaft gründete. Das Unternehmen besteht auch weiterhin und wird von Yanns Cousine geführt. Im Haus stößt Yann auf alte Dokumente und Notizbücher des Firmengründers. Ich benötigte etwa hundert Seiten, um näher zu erfahren, wohin die Geschichte eigentlich führen will: Der Protagonist versucht aufzuklären, warum seine männlichen Vorfahren mehr Härte statt Liebe gegenüber ihren Nachkommen zeigten.

Hélène Gestern erzählt nicht nur von der mühsamen Recherche Yanns weitere Details zur Vergangenheit seiner Familie durch Verwandte und Bekannte zu erhalten, sondern sie beschreibt auch ausführlich die Landschaft an der bretonischen Küste sowie die Insel Cézembre und deren historisch verbürgte Bedeutung Yann ergründet vor allem die familiären Geschehnisse vor dem Ersten Weltkrieg. Demgegenüber ist die Geschichte der Insel weitgehend mit dramatischen Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg verbunden.

Der zeitliche Fokus springt von Kapitel zu Kapitel und kehrt immer wieder in die Gegenwart zurück, in der der Protagonist beginnt, sich neu zu verlieben. In kursiv gesetzten Einschüben wechselt die Autorin häufig die Erzählerperspektive und lässt dabei oft unbenannte Figuren eine kurze Begebenheit schildern. Manchmal erleichternd diese Passagen die Einordnung der Ereignisse und liefern kleine passende Puzzleteil für den Lesenden. Das Familiengeheimnis erweist sich schließlich als weitaus komplexer, als Yann zu Beginn seiner Nachforschungen erwartet hat.

Obwohl sich die realistische Handlung in behäbigem Tempo entwickelt, wollte ich wissen, wie sich die Fäden letztlich entwirren. Daher habe ich quergelesen und war mit dem Ende versöhnt. 



Samstag, 13. Dezember 2025

Rezension: Die Frau, der Ruhm und der Tod von Grän & Waldenfels (Hauptkommissarin Clara Frings Band 2)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Frau, der Ruhm und der Tod
(Band 2 Hauptkommissarin Clara Frings)
Erscheinungsdatum: 01.12.2025
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783426562567
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Der Kriminalroman „Die Frau, der Ruhm und der Tod“ des Autorinnenduos Christine Grän und Marianne von Waldenfels entführt die Lesenden in die Schlagerwelt der 1970er Jahre. Für Hauptkommisssarin Clara Frings ist es der zweite Fall nach der Aufklärung eines Journalistenmords im Vorjahr. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht nötig.

Claras beste Freundin Elfi ist Moderatorin der Sendung „Von Frau zu Frau“. Während einer Liveausstrahlung im Kölner Aufnahmestudio bricht ihr Gast, die Sängerin Mona Lisa, die mit bürgerlichem Namen Monika Lindner heißt, plötzlich zusammen. Sie wurde von Otto Nachtsheim, einem in Köln weithin bekannten und geschätzten Bürger, produziert und gemanagt. Gemeinsam mit seiner Familie ist er bei der Sendung vor Ort anwesend.

Obwohl Clara die neue Abteilung „Gewalt gegen Frauen“ mit Dienstsitz in Bonn leitet, wird ihr der Fall übergetragen. Bald stellt sich heraus, dass neben der Leiterin des Fanclubs auch jedes Mitglied der Familie Nachtsheim ein Tatmotiv gehabt hätte. Nichts ist eindeutig und es könnte auch jemand ganz anderes gewesen sein. Während Clara und ihre beiden Mitarbeiterinnen im Mordfall der Mona Lisa immer wieder auf Lügen stoßen und mühsam die Wahrheit freilegen müssen, sind gleichzeitig weitere Fälle zu bearbeiten.  

Das Privatleben der Ermittlerin spielt eine wichtige Rolle. Sie ist mit ihrem obersten Chef liiert, dem sie jedoch ein Geheimnis verschweigt. Außerdem ist sie mit dem Archivar der Dienststelle befreundet. Diese Beziehungen eröffnen zahlreiche Verbindungen zu kulturellen Ereignissen jener Jahre, sowohl regional als auch überregional. So entsteht ein authentisches und atmosphärisches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse der Jahre 1975 und 1976, in denen die Handlung spielt. Auch viele bedeutende politische Ereignisse sind in die Geschichte eingebettet. Dabei sind die Themen beispielsweise die Gewalttaten der Roten Armee Fraktion und Ost-West-Spionagetätigkeiten. Für mich zeichnete der Kriminalroman ein realistisches Bild jener Zeit, wie ich sie selbst erlebt habe, auch wenn einige Details etwas konstruiert wirken.

„Die Frau, der Ruhm und der Tod“ von Grän & Waldenfels ist ein Kriminalroman, der die damaligen Ermittlungsweisen überzeugend einfängt und nicht nur zeithistorisches Flair bietet, sondern auch glaubhafte Einblicke in die Schlagerszene liefert. Bis zum Schluss bleibt die Spannung erhalten, wer der Täter oder die Täterin ist. Das Ende ist auf eine Fortsetzung ausgelegt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 9. Dezember 2025

Rezension: Tête-à-Tête mit einer Schildkröte: Was die Urwesen uns zu sagen haben von Sy Montgomery

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tête-à-Tête mit einer Schildkröte:
Was die Urwesen uns zu sagen haben
Autorin: Sy Montgomery
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Stefanie Schäfer
mit Illustrationen von Matt Patterson
Erscheinungsdatum: 22.10.2025
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257073652

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Die in Deutschland geborene und seit langem in New Hampshire/USA lebende Naturforscherin Sy Montgomery widmet ihr Buch „Tête-à-Tête mit einer Schildkröte“ ganz den eierlegenden Kriechtieren. Es ist die am stärksten gefährdete Gattung der Erde.

Gemeinsam mit dem Tierillustrator Matt Patterson hat die Autorin vor fünf Jahren begonnen, der Turtle Rescue League in Massachusetts ehrenamtlich zu unterstützen. Für ihre Einsätze mit denen sie auch ihre Recherchen verbunden hat, nimmt sie in unregelmäßigen Abständen eine zweistündige Autofahrt auf sich. Es ist nicht die einzige Organisation, die sich der Rettung von Schildkröten verschrieben hat, über die die Autorin berichtet. Einige Ortsnamen der Hilfsstationen hat sie geändert, denn Schildkröten sind auf verschiedene Weise begehrt und deshalb gefährdet.

Die Tiere haben auf dem Schwarzmarkt einen so hohen Wert, dass die Gefahr einer Entführung besteht. Man sagt Teilen ihres Körpers eine gewisse Heilfähigkeit zu und das Potential Schönheit zu erhalten. Der Verzehr ihrer Eier und der ihres Fleisches gilt mancherorts als Delikatesse und aus ihrem Rückenschild wird Schmuck gefertigt.

Es ist die Geschichte vieler einzelner Schildkröten von denen Sy Montgomery in ihrem Buch erzählt, aber auch die von den Menschen, die ihnen helfend zur Seite stehen. Sie beschreibt, wie die Verletzungen der Tiere entstanden sind, die in der Hilfsstation betreut werden. Neben diesen bewegenden Einzelschicksalen vermittelt sie immer wieder faszinierendes Wissen. Die erstaunliche Vielfalt der Arten, ihre sehr unterschiedlichen Größen und ihre oft hohe Lebenserwartung sind beeindruckend. Sie besiedeln unterschiedliche Lebensräume.

Sy Montgomery beschreibt den Alltag in der lebendigen Turtle Rescue League. Dort hilft man den verletzten Tieren mit Fachwissen und Verantwortungsbewusstsein. Obwohl die Schildkröten Namen erhalten, ist man sich stets bewusst, dass sie nach ihrer Heilung eines Tages wieder in die Freiheit entlassen werden. Die Autorin dokumentiert ihren Genesungsweg, weshalb bestimmte Namen im Buch immer wieder genannt werden. Als Leserin erlebte ich viele emotionale Höhen und Tiefen im nie sicheren Heilungsprozess. Bei einigen Schildkröten entwickelte sich kein Leben in den gelegten Eiern. Manche Tiere machten große Fortschritte. Leider gab es auch erwartete oder plötzliche Todesfälle der erwachsenen Tiere.

Sy Montgomery schreibt in ihrem Sachbuch mitreißend und warmherzig über die vielfältige Welt der Schildkröten und über die Menschen, die sich unermüdlich für sie einsetzen. Über die Webseiten und Instagram-Kanäle der Autorin und der Turtle Rescue League konnte ich als wunderbare Ergänzung einiges zusätzlich in Bild und Ton ansehen und -hören. Ich empfehle das Buch „Tête-à-Tête mit einer Schildkröte“ uneingeschränkt weiter. Es ist ein großes Lesevergnügen das ganz nebenbei reiches Wissen vermittelt.

Montag, 1. Dezember 2025

Rezension: Knochenkälte von Simon Beckett (Dr. David Hunter Band 7)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Knochenkälte (Dr. David Hunter Band 7)
Autor: Simon Beckett
Übersetzerinnen aus dem Englischen: 
Erscheinungsdatum: 05.11.2025
Verlag: Rowohlt Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805200547

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Im Thriller „Knochenkälte“ des englischen Autors Simon Beckett ermittelt der Anthropologe Dr. David Hunter in seinem siebten Fall. Obwohl seit dem Erscheinen des letzten Bands im Frühjahr 2019 mehr als sechs Jahre vergangen sind, setzt die aktuelle Handlung nur etwa eineinhalb Jahre nach dessen Ereignissen ein. Der Titel verweist auf Knochen, die in einer unwirtlichen Region lange im Erdreich verborgen lagen.

Dr. David Hunter, der schon lange als forensischer Berater der Polizei tätig ist, soll an einer Suchaktion im schottischen Carlisle teilnehmen. Er beschließt, bereits am Nachmittag vor der ersten Besprechung von London aus aufzubrechen. Aufgrund starken Regens und der Umgehung einer Unfallstelle verirrt er sich in den Cumbrian Mountains im Nordwesten Englands. Dort fällt sein Navigationssystem aus.

Er strandet im Pub eines abgelegenen Bergdorfs, in dem ihm die Einheimischen unfreundlich begegnen. Sein Handy hat keinen Empfang. Aufgrund eines zweifelhaften Hinweises übernachtet er als einziger Gast in einem heruntergekommenen Hotel, das von einem Ehepaar geführt. Schon beim ersten Gespräch mit ihnen wird deutlich, dass sie vor Ort nicht beliebt sind. Am nächsten Morgen stellt er auf der Rückfahrt fest, dass ein Erdrutsch ein Stück der Straße weggespült hat. Wenig später kappt an dieser Stelle verunfallter Lastwagen die Stromversorgung.

Simon Beckett errichtet diesmal ein Closed Circle Szenario. Dazu gehört auch, dass Dr. Hunter an seinem nächsten Tätigkeitsort nicht so früh erwartet wird und ihn bei der Arbeit niemand vermisst. Außerdem geschieht gerade sehr wenig in seinem Privatleben, das nur am Rand Erwähnungen findet, und aus dieser Sicht nicht nach ihm gesucht wird. Im Dorf gibt es mehrere für den vorliegenden Fall bedeutsame Personen beziehungsweise Gruppen: die bereits erwähnte Familie, die das Hotel betreibt, eine alteingesessene Familie, deren Oberhaupt gerade neunzig Jahre alt geworden ist und dem alle Anverwandten hörig sind sowie die Betreiberin des ortsansässigen Forstunternehmens.

Es ist ein äußerst kompliziertes, für Dr. Hunter kaum zu durchschauendes mit- und gegeneinander im Ort, dem er selbst eine neue Angriffsfläche bietet. Ohne die Identität des Finders einer Leiche preiszugeben, deutet Simon Beckett im Prolog an, dass die Sachlage nicht so einfach ist, wie sie sich zunächst für den Anthropologen und die Leserschaft darstellt. Ohne seine gewohnten Kolleg*innen bleiben ihm nur begrenzte Möglichkeiten, die Funde zu untersuchen, und bald bleibt es nicht beim ersten Toten. Die Funde und die Anwesenheit von Dr. Hunter strapazieren die Nerven der Dorfbewohner und es kommt zu einem neuen Mordfall.

Die Spannung hält Simon Beckett bis zum Schluss hoch, auch wenn die forensischen Details aufgrund des Settings weniger Raum einnehmen als in früheren Bänden. Dafür beschreibt er die regenfeuchte, später verschneite Umgebung, mit der der Ermittler zurechtkommen muss, umso ausführlicher. Dr. Hunter wird körperlich bis zur Grenze der Belastbarkeit gefordert, so dass zwar die Handlung fesselnd bleibt, aber manchmal am Rand der Glaubwürdigkeit steht. In einigen Situationen verhält er sich gegenüber den Dorfbewohner nahezu eingeschüchtert, was in der Folge zum Erhalt der Dramatik beiträgt, aber nicht immer unbedingt realistisch erscheint.

„Knochenkälte“, der siebte Band der Serie um den ermittelnden Anthropologen Dr. David Hunter, von Simon Beckett ist ein grundsolider Thriller in einem Closed Circle Szenario. Er kann unabhängig von den anderen Teilen gelesen werden. Die bedrückende, nicht nur metaphorisch gemeinte eiskalte Stimmung in einem abgelegenen Dorf in den Bergen, das von hohen Bäumen umgeben ist und die sich zuspitzenden Ereignisse sorgen für ein intensives Leseerlebnis. Das Buch ist ein Muss für jeden Dr. Hunter-Fan, ein guter Einstieg in die Serie für diejenigen, die den Ermittler kennenlernen wollen und insgesamt eine spannende Unterhaltung für jeden Trillerlesenden.

Freitag, 28. November 2025

Rezension: Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Fabula Rasa oder 
Die Königin des Grand Hotels
Autorin: Vea Kaiser
Erscheinungsdatum: 09.10.2025
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
(Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462052343
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Fünf Jahre nach ihrem Buch „Rückwärtswalzer“ ist Vea Kaisers vierter Roman „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ erschienen. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die die Autorin auf eine Weise in Szene setzt, als hätte sie mit der titelgebenden Figur Angelika Moser mehrere lange Gespräche (lat. fabulae) geführt. Das lateinische Wort „rasa“ verweist auf einen Neuanfang, denn die Protagonistin sucht nach einem Weg, ihren Sohn in besseren Verhältnissen aufwachsen zu lassen, als sie selbst es erfahren hat.

Vor wenigen Jahren hat die Buchhalterin eines Wiener Grand Hotels mehrere Millionen Euro veruntreut. Vea Kaiser hat von dieser Tatsache in einer Zeitung gelesen und sie zum Hintergrund ihres Romans gemacht. Sie nimmt die Lesenden zunächst mit in die 1980er Jahre, eine Zeit, in der Angelika bereits in der Verwaltung des Grand Hotel Frohner arbeitet. Sie ist als Tochter der alleinerziehenden Hausbesorgerin Erna aufgewachsen. Ihren Vater hat sie bis dato nie kennengelernt. Mit ihrer Freundin Ingi geht sie gerne auf Vergnügungstour, vielleicht als Ausgleich zu den Zahlenkolonnen, mit denen sie tagsüber jongliert und Ordnung in ihr Leben bringt.

Eines Tages bittet der Hoteldirektor sie um ihre Mithilfe. Sie soll das Zahlenwerk früherer Jahre aufhübschen. Die Verwandten der früheren Besitzer des Hotels erheben Anspruch auf eine Entschädigung, aber der Direktor möchte ihnen zeigen, dass das Hotel unrentabel ist. Angelika erfindet Ausgaben, die das Hotel bezahlt. Bald erkennt sie, dass sich aus dieser Schwindelei auch für sie persönliche Vorteile ergeben könnten.

Erneut gelingt es Vea Kaiser Figuren mit Wiedererkennungswert zu schaffen. Angelika entspricht trotz Herkunft und Beruf nicht dem Klischee einer „grauen Maus“, sondern genießt das Leben, träumt von beruflichem Aufstieg und wünscht sich Unabhängigkeit. Der Seniorchef des Grand Hotels präsentiert sich gern als rechtschaffenes Aushängeschild des Hauses. Erst im Verlauf der Geschichte erlebt man an der Seite von Angelika, wie seine Fassade bröckelt. Mehrere Galans bemühen sich um die Protagonistin, aber ich möchte nicht vorwegnehmen, welchem sie ihr Herz schenkt.

Die Autorin verweist auf die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich in der österreichischen Hauptstadt. Während sich die einen auf dem Opernball amüsieren, freut man sich in den Hinterhöfen über eine warme Wohnung. Vea Kaiser zeigt die schillernde Amüsiermeile der Nachtkultur als auch deren Schattenseiten mit Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sie schreibt nah am Leben, mit viel Verve und einer guten Portion Schmäh.

Auch Angelikas Handeln als Mutter wirkt nachvollziehbar und realistisch, ebenso die beschriebene Art, für das Hotel abzurechnen. Von Beginn an wird deutlich, welches Vergehen sie begangen hat, was der Geschichte eine deutliche Richtung gibt. Im Mittelteil kommt der Roman allerdings durch detailreiche Passagen zu einer gewissen Länge. 

Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg beschreibt Vea Kaiser in ihrem Roman „Fabula Rasa oder Die König des Grand Hotels“ den Aufstieg und Fall ihrer Protagonistin Angelika. Die Geschichte überzeugt mit lebendigen Figuren, einem atmosphärischen Schauplatz und bedeutsamen gesellschaftlichen Themen. Durch den amüsanten Unterton ist sie unterhaltsam, jedoch auch berührend und hallt lange nach. Gerne empfehle ich sie weiter.




Samstag, 15. November 2025

Rezension: Essen von Alina Bronsky aus der Reihe Hanser Berlin Leben

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Essen (Reihe Hanser Berlin Leben)
Autorin: Alina Bronsky
Erscheinungsdatum: 16.09.2025
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446281523
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In ihrem Essayband „Essen“ versammelt Alina Bronsky in zwölf Kapiteln Gerichte und Getränke, die für sie in besonderen Momenten ihres Lebens eine Rolle gespielt haben oder immer noch spielen. Im Prolog blickt sie auf die Bedeutung der Nahrung und des Geschmacks sowie auf die zahlreichen Phrasen in unserer Sprache, die darauf anspielen.

Mit den Speisen, die die Autorin beschreibt, verknüpft sie verschiedene private Erinnerungen. Es ergibt sich eine Art unterhaltsame Biografie. Zu Beginn der 1990er Jahre immigriert sie im jugendlichen Alter mit ihren Eltern aus der Nähe des Urals nach Hessen. Die Mahlzeiten lehren sie einiges über die Kultur der beiden Gegenden.

Die von Alina Bronsky beschriebenen Gerichte und Getränke sind durchweg nicht aufwendig gestaltet und doch aufgrund des persönlichen Charakters etwas Besonderes. Am Ende jeden Kapitels schildert die Autorin die Herstellung, die jeweils höchstens eineinhalb Seiten einnimmt. Auch in ihren Büchern wird häufiger gekocht und gemeinsam gegessen, so dass sich gelegentlich Hinweise auf ihre Romane finden. Immer wieder blitzt die feine Ironie durch, die ihrem Schreibstil eigen ist und sorgt für einen amüsanten Unterton.

Das beschriebene Essen weckte auch bei mir Erinnerungen und den Wunsch, die Rezepte zu erproben. In einem Epilog geht die Autorin darauf ein, dass ein Gericht für Andere eine ganz verschiedene Rolle im Leben einnehmen kann als für sie. Während der Ideen- und Schreibphase wurde sie mit zahlreichen Ideen mit Anregungen über Nahrungsmitteln aus ihrem Umkreis geflutet über die sie schreiben könnte.

Vor allem aufgrund der persönlichen Perspektive auf die beschriebenen Gerichte und Getränke fand ich das Buch „Essen“ von Alina Bronsky aus der Serie „Leben“ des Verlags Hanser Berlin besonders lesenswert. Ich empfehle es gerne weiter.

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