An der Seite der 36-jährigen Protagonistin Aimeé Thaler
machte ich mich im Roman „Denn das Leben ist eine Reise“ im roten VW-Bus auf
den Weg nach St. Ives in Cornwall/England. Nach einem einschneidenden Erlebnis
bei dem ihr Vertrauen in ihren Ehemann Per endgültig zerstört wird, wagt Aimeé
das Risiko, in ihrer Heimat in Deutschland alles aufzugeben, um mit ihrem Sohn
in eine unbekannte Zukunft zu flüchten. Der Titel des Romans verdeutlicht, dass
in jeder Phase unseres Lebens bestimmte Entwicklungen möglich sind, vor denen
wir nicht zurückschrecken, sondern sie annehmen sollten.
So locker beschwingt wie die farbliche Gestaltung des Covers
mit den Sporen des Löwenzahns auf mich wirkte, konnte ich die Stimmung nicht in
der Geschichte wiederfinden, denn Aimeé hat mit einigen Schwierigkeiten zu
kämpfen, die für eine melancholischen Hintergrund sorgten. Wie eine Spore der
Willkür des Windes ausgesetzt ist, so fühlt sich Aimeé manchmal aufgrund
emotionaler Bindungen als Spielball von diversen Familienmitgliedern, Freunden
und Bekannten. Sie schafft es nicht, sich einfach davon zu befreien, dazu ist
einiges an psychischer Stärke nötig, die sie häufig nicht aufbringen kann. Im
Laufe der Erzählung zeigt sich, ob Aimeé die Kraft findet, ihr Leben nach ihren
Vorstellungen zu leben.
Aimeé hat ihr Kindheit und Jugend im Wohnmobil mit ihrer
Mutter in einer Trödlerkommune verbracht. Ihren Vater hat sie nie
kennengelernt. Inzwischen ist sie Mitte Dreißig, hat mit ihrem Lebenspartner
einen sechsjährigen Sohn und führt als Selbständige Möbelrestaurationen durch.
Als es zum Bruch kommt, beschließt sie mit ihrem alten VW-Bus, der in einer
Garage einige Jahre überdauert hat, nach St. Ives zu fahren, um an der
Beerdigung einer alten Kommunenfreundin teilzunehmen, mit deren Sohn sie
zeitweilig mehr als freundschaftliche Bande geteilt hat. In Cornwall möchte sie
bleiben, doch der Anfang gestaltet sich schwierig, denn St. Ives ist eine
touristische Hochburg, die bezahlbaren Unterkünfte sind knapp und Jobs gibt es
fast nur im Sommer, wenn die Touristen vor Ort sind.
Vor jedem Kapitel, dass in der Jetztzeit spielt, erzählt
Hanna Miller einen Gedanken Aimeés an jeweils eine Szene, die auf gewisse Weise
einen Schatz für die Protagonisten beinhaltet, an den sie sich gerne erinnert. Während
sich die Geschichte in der Gegenwart stringent über die Monate
weiterentwickelt, blickt Aimeé immer wieder zu bestimmten wichtigen Punkten in
ihrem Leben zurück. Dadurch erfuhr ich einiges mehr über das Verhältnis zu
ihrer Mutter Marilou und ihre Beziehung zu ihrem Kindheitsfreund und
Jugendliebe Daniel. Beides war angefüllt mit schönen Erinnerungen, aber auch
überschattet von hässlichen Ereignissen.
Als sie ihren Partner Per kennenlernte bot dieser ihr ein
Leben in einem schönen Haus ohne Sorgen ums Geld. Aber Aimeé musste erst durch
viele Täler gehen, um zu erkennen, dass eine gesicherte Existenz nicht alles
ist, was man für erstrebenswert halten kann. Ein wenig war ich darüber
enttäuscht, dass ihre Suche nach einem geeigneten Platz für ein neues Zuhause
schon nach kurzer Zeit in St. Ives endete. Dafür verfolgte ich umso gespannter,
ob sie hier tatsächlich eine Möglichkeit finden wird, eine Zukunft zu
gestalten.
„Denn das Leben ist eine Reise“ von Hanna Miller ist ein
gefühlvoll und bewegend geschriebener Roman mit einigen unvorhergesehenen
Wendungen. Trotz der ständigen Sorgen um die von ihr geliebten Menschen, die
die Protagonistin begleiten und für eine melancholische Hintergrundstimmung
sorgen, wurde ich gut von der Geschichte unterhalten. Daher vergebe ich gerne
eine Lesempfehlung.