In seinem Roman „Sylter Welle“ erinnert sich Max Richard
Leßmann, der nicht nur Autor des Buchs, sondern auch Sänger und Podcaster ist,
an die gemeinsamen Urlaube mit seinen Großeltern auf der größten
nordfriesischen Insel zurück. Es ist eine Geschichte, in die Max Leßmann eigene
Erlebnisse hat einfließen lassen. Das Cover verspricht womöglich auf den ersten
Blick schöne idyllische Tage am Meer, doch auf den zweiten erkennt man den in
Flammen stehenden Strandkorb. Beim Betrachten stellte ich mir die Frage, ob der
Brand eine Metapher zu den Ferientagen von Max darstellt und war daher gespannt
auf seine Erzählung.
Viele Jahre lang hat der Protagonist Max die Eltern seines
Vaters auf Sylt auf dem Campingplatz besucht. Inzwischen haben diese aber ihren
Wohnwagen verkauft, beabsichtigen jedoch, noch ein letztes Mal auf die Insel zu
fahren. Max besucht sie dort für drei Tage in ihrer Ferienwohnung, die zu dem Wohnkomplex
„Sylter Welle“ gehört und neben dem gleichnamigen Freizeitbad in Westerland
liegt. Bereits bei seiner Ankunft macht Max sich einige Gedanken zu dem
gesundheitlichen Zustand seiner Großeltern, denn ihm wird bewusst, dass er
irgendwann für immer von ihnen Abschied nehmen muss.
Mit seinem ihm eigenen Humor nimmt Max Leßmann manches
Detail am Rande seines Urlaubs in den Blick, wie beispielsweise Ess- und
Schwimmgewohnheiten. Seine Gedanken sind amüsierend, mit einer kurzen Bemerkung
erhalten sie Würze und manchmal auch Tiefsinn. Gerne schwelgt er in seinen
Erinnerungen an vergangene Ferien. Dabei stellt er die Eigenheiten seiner
Großeltern heraus und verdeutlicht die Punkte, an denen es typischerweise zu
Generationenkonflikten kommt.
Bald schon wurde mir bewusst, dass es dem Autor in seinem
Roman um mehr geht als einer Schilderung von Urlaubserlebnissen. Aus den
Erzählungen seiner Verwandtschaft weiß er um die niederschlesische Herkunft
seines Großvaters, der nach der Flucht aus der Heimat mit seiner Familie im westfälischen
Dorf der Großmutter ankam. Max erinnert sich an die Schilderungen von dessen
Kindheit mit einem strengen Vater. Sein Opa hat ihm aber auch von den
Freiheiten erzählt, die er seinen eigenen Kindern gewährt hat. Die Großmutter
von Max erscheint reserviert und stellt für die Familie ihre eigenen, manches
Mal befremdenden Regeln auf. Sie ist immer um das leibliche Wohl ihrer Liebsten
besorgt.
Es wird nicht deutlich, inwieweit der Roman reale
Begebenheiten widergibt. Max Leßmann sagt dazu, dass er die Geschichte
verfremdet hat, aber einige Verwandte sich gegenseitig wieder erkennen.
Nichtsdestotrotz beschreibt der Autor die Familienmitglieder eigenwillig
liebevoll mit Ecken und Macken und schont sich nicht, einige sonderliche
Eigenarten seines Alter-Ego darzulegen.
Max Richard Leßmann widmet seinen Roman „Sylter Welle“
seiner Großmutter. Doch nicht nur mit ihrem Leben und ihren Ansichten setzt er
sich darin auseinander, sondern auch mit denen seines Großvaters. Er schaut
aber genauso auf deren Verständnis für seine Meinungen, seinen Beruf und seine
Lebensgestaltung. Die Geschichte hat den Aufforderungscharakter, sich mit
seinen Familienangehörigen auseinanderzusetzen und andere Sichtweisen zu
respektieren. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.